
Junge-Wilde-Blog
Im Rahmen der Reihe »Junge Wilde« kooperiert das KONZERTHAUS DORTMUND in der Saison 2011|12 mit der TU Dortmund: Junge wilde Musiker treffen auf junge wilde Studenten. Die angehenden Musik- oder Kulturwissenschaftler, Musikpädagogen und Musikjournalisten begleiten die morgendlichen Schulbesuche der »Jungen Wilden«, beteiligen sich am »meet the artist!« nach dem Konzert und berichten an dieser Stelle über Ihre Erfahrungen.
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20.01.2012
Appell
»Junge Wilde«. Die Künstler werden dieser Bezeichnung nicht nur auf der Bühne gerecht. Auch hinter der Bühne, beim »meet the artist«, gehen sie ganz authentisch und lässig auf die Fragen des Interviewers ein, wie Yuja Wang es am vergangenen Dienstag gezeigt hat.
Schaut man sich jedoch im Saal einmal um, so merkt man schnell, dass das Publikum ganz und gar nicht jung und wild ist.
Ziel ist es, auch Kinder und Jugendliche zum Besuch des Konzerthaus zu motivieren. Das sollte doch dann insbesondere bei den Konzerten der» Jungen Wilden« geschehen! Kinder und Jugendliche sollten es sein, die sich nach dem Interview ihre CDs signieren lassen!
Dies ist ein Appell nicht nur an die junge Generation, sondern auch an alle älteren Damen und Herren, ihre Kinder und Enkel doch einfach mal mit ins Konzerthaus zu nehmen!
Thuy-Vi Nguyen
Bachelor Musik auf Lehramt
20.01.2012
RE-RITE: STRAWINSKY IN DER ENDLOSSCHLEIFE
Angekommen in der 6. Etage des Dortmunder U erwartet mich eine Ausstellung der besonderen Art. Ruhiges und distanziertes Betrachten der dargebotenen Kunst ist nicht möglich. Aus allen Lautsprechern dröhnt das Skandalballett »Le sacre du printemps« von Igor Strawinsky. Auf riesigen, aufdringlichen Leinwänden werden die Musiker des Philharmonia Orchestra portraitiert. Die Nahaufnahmen sind so klar, dass ich jede Schweißperle des Kontrabassisten erkennen kann. Er sieht angestrengt aus – und irgendwie auch abwesend. Die Musik hat ihn entführt und raubt ihm seine letzten Kräfte. Seine Kollegen blicken nicht anders drein. Ich schaue mich um und erkenne in den Gesichtern der anderen Besucher einen ähnlichen Ausdruck. »Entrückt« ist das passende Wort dafür. Den Alltag zurücklassend wenden sich die Ausstellungsgäste allein der Musik zu und tauchen in den Klang und das Orchester ein. Keineswegs sind sie dadurch entspannter, was man von klassischer Musik weithin behauptet. Vielmehr sind sie angeheizt und aufgeladen. Die Omnipräsenz der Musik führt zur Verschmelzung mit ihr, auch in ihrer Direktheit und Mächtigkeit. Ein Beispiel: der kleine Junge, der sich als Dirigent neben den Großmeister Salonen stellt, wirkt plötzlich größer. Angetrieben von der ausdruckstarken Musik nimmt sein Körper eine erhabene, fast königliche Haltung an. Dass er Chef im Orchester sein will, ist völlig eindeutig.
Die Präsentation wirkt jedoch nicht nur emotional. Ich geselle mich zu einer älteren Dame. Sie steht an der großen Trommel, versucht das richtige Timing für den nächsten Schlag zu finden. Es gelingt ihr. Sie hat mitwirken können und ist nun ein Teil des Orchesters geworden. Die einzelnen Instrumentengruppen erkenne ich mehr und mehr als Bausteine in einem großen, übergeordneten Plan.
Mir scheint, dass dieses großangelegte Projekt zwei bestimmte Ziele verfolgt. Einerseits geht es um die Musik selbst. Klassische Musik gilt oft als schwer vermittelbar, das kann ich selbst an mir manchmal nachvollziehen. Die Multimedialität ist der Clou dieses Konzeptes. Durch sie gelingt die Vermittlung und die Musik gewinnt an Unmittelbarkeit und Stärke. (Ich konnte auf der gesamten Ausstellungsfläche nicht einen gelangweilten Besucher erkennen!)
Transparent wird ebenso die Orchesterstruktur. Wie ein Orchester funktioniert, auf welche Weise Noten in Töne umgesetzt werden und wie 100 Musiker zusammen agieren – DAS konnte ich am eigenen Leib erfahren.
Isabelle Reiker
Bachelor Musik auf Lehramt
09.01.2012
Schwellen senken
Bei den »Jungen Wilden« handelt es sich um internationale Ausnahmetalente der jungen Musikergeneration, die über drei Spielzeiten im Dortmunder Konzerthaus zu Gast sind. Bestandteil der Reihe ist auch ein Schulbesuch, der dem Konzert voraus geht. Die »Jungen Wilden« stellen sich und ihr Instrument im Musikunterricht vor. So besuchte die Geigerin Veronika Eberle am Vormittag des 06. Dezember 2011 das Konrad-Klepping-Berufskolleg. Sie spielte einer 12. Klasse, kurz vor dem Fachabitur, eine Solosonate von Ysaÿe vor und ging zwischendurch in den Dialog mit den Schülern und beantwortete deren Fragen.
Ziel dieses Projektes ist es natürlich, Schülern die Freude an der klassischen Musik zu vermitteln. Es ist doch etwas ganz Besonderes, wenn derart talentierte Musiker den Musikunterricht für einen Tag übernehmen und das ästhetische Erlebnis eines Konzerts in die Schule verlegen. Eine solche Erfahrung kann die fortlaufende Beschäftigung mit klassischer Musik oder gar den Wunsch, selbst ein Instrument zu erlernen, fördern. Die Schüler dürfen am Abend natürlich das Konzert der jeweiligen Künstler im Konzerthaus besuchen und erleben. Darüber hinaus bietet das Konzerthaus für die Schulklassen eine exklusive Führung durch die Räumlichkeiten des Hauses an, bei der auch ein Blick hinter die Kulissen geworfen wird.
Die Zusammenarbeit mit dem Institut für Musik und Musikwissenschaft der TU Dortmund beinhaltet aber in dieser Saison daneben auch ein Zusammentreffen junger Musikjournalisten mit den »Jungen Wilden« im Rahmen des »meet the artist!« nach dem Konzert. So sprach die Künstlerin Veronika Eberle mit der angehenden Musikjournalistin Janina Ribeiro über das Konzert, über Privates und den Schulbesuch am Vormittag.
Das Konzept der Reihe »Junge Wilde« trägt so zu einer Auflockerung der bestehenden Rahmenbedingungen in einem klassischen Konzert bei. Durch die Schulbesuche, die Konzerthausführungen, die Vorträge zu Beginn eines Konzertabends und das abschließende Interview wird klassische Musik erfolgreich greifbar gemacht. Im Kern steht die Kunst und diese sollte für Jedermann zugänglich sein.
Ina Hindenberg
Master Kulturanalyse und Kulturvermittlung
31.12.2011
re-rite – Du bist das Orchester
Wie es in den Wald hinein schallt, so schallt es auch wieder hinaus. Unter diesem Motto konnten sich Laien und musikalisch Erfahrene in der Multimedia-Ausstellung im Dortmunder U austoben. Offen gestaltete Räume boten die Möglichkeit, sich den eigenen Weg durch die Klangwelt des Sacre zu bahnen. Wer wollte, durfte vor einer der großen Leinwände Platz nehmen, den einzelnen Musikern oder Instrumentengruppen beim Warten auf ihren nächsten Einsatz zuschauen oder sie beim Spielen der teilweise sehr kniffligen Passagen des Stücks beobachten. Partituren und Orchesterstimmen standen überall zum Blättern und selber Mitspielen bereit. Besonderen Spaß machte der Schlagwerk-Raum, in dem sich klein und groß zum Beispiel an großer Trommel, Triangel und Guiro ausprobieren durften. Dazu kamen genaue Angaben von einem der Musiker am Bildschirm, die mit Technik »à la Wii« für jeden umzusetzen waren. Daumen hoch!!
Lisa Christin Hidajat
Master Kulturanalyse und Kulturvermittlung
Dorothee Reichenberger
Master Kulturanalyse und Kulturvermittlung
Dario Treese
Master Kulturanalyse und Kulturvermittlung
14.12.2011
E(rnste)- oder u(nterhaltende)-Musik? Das ist hier wohl immer noch die Frage!
Meine Disziplin, die Kunstgeschichte, unterscheidet nicht mehr zwischen »High« und »Low« – einem Reliktdenken des Bildungsbürgertums aus dem 19. Jahrhundert. Damals ein Muss in Richtung Demokratisierung der eigenen Kultur, heute – nach der Verfestigung und Etablierung des Bürgertums – eher ein Hinder- und Ärgernis.
Höre ich den Begriff Klassik, denke ich an Anzüge, Abendgarderobe und zeremonielle Verhaltensregeln, sodass der Eindruck entsteht, dass das »e« für »elitär« steht. Eigentlich zählten die heute unter der Kategorie E-Musik zusammengefassten Werke zu ihrer Entstehungszeit selbst zur Populärmusik (U-Musik), die Komponisten und Musiker besaßen sogar Kultstatus!
Jedoch gehören die Werke nicht mehr selbstverständlich zur Hörerfahrung unseres Jahrhunderts, sodass eine Vermittlung, die dieses (Hör-)Defizit überbrückt, notwendig ist. Diese Kompositionen, die durch die Klassifizierung auf den Bereich E-Musik reduziert wurden, sind leider nicht mehr selbsterklärend, daher lautet meine Bitte: Mut zum Experiment! Transportiert die Musik in neue zeitgemäße Formate! Seid doch einfach mal wild! Der Musik wird das bestimmt nicht schaden und überbrückt den längst überholten Bruch zwischen E- und U-Musik.
Andrea Klotz
Master Kulturanalyse und Kulturvermittlung
30.11.2011
Ein singender Flügel
Zehn Finger hat ein Mensch – eine Pianistin auch. Treffen zehn begabte Finger auf einen Flügel, so passieren wundersame Dinge: Sie entlocken diesem großen schwarzen Ungetümungeahnte Klangfarben und ein immenses Klangvolumen.
Am vergangenen Donnerstag hat Lise de la Salle eben solch ein Klangerlebnis entstehen lassen. Bei ihrem letzten Konzert in der Reihe der »Jungen Wilden« zeigte sie sich von zwei Seiten: als Virtuosin und als Sängerin. Die junge Pianistin verband aufeinanderfolgende Töne einer Melodie, als seien sie gesungen und nicht durch einzeln angeschlagene Tasten entstanden. Diese Fähigkeit stellte sie vor allem in Ferruccio Busonis Fassung des Bach-Chorals »Nun komm, der Heiden Heiland« unter Beweis. Durchgehend waren drei verschiedene Klangschichten zu hören: der tiefe Bass als weiches und leises Fundament, die Mittelstimme, der sie auf zauberhafteWeise einen orgelhaften Klang verlieh und die oberste Stimme strahlte über allem hell, klar und warm. All dies fügte sich zu einer langen, bruchlosen Linie.
Im Kontrast hierzu brachte Franz Liszts »Après une lecture de Dante: Fantasia quasi sonata« die klanggewaltige und virtuose Seite der Pianistin zum Vorschein. Der direkte Anschluss dieses Monolithen an die Bearbeitungen Bach’scher Werke machte die Andersartigkeit und Neuartigkeit der Klangsprache Liszts spürbar. In der Deutlichkeit, mit der Lise de la Salle den charakteristischen Anfang der Dante-Sonate artikulierte, genauso wie in der klaren Stimmführung bei Bachs »Italienischem Konzert« zeigte sie ihren Anspruch als Interpretin. Diese Klarheit geht in Liszts Hochgeschwindigkeits-Spiel vereinzelt auch im Pedal unter, aber dafür öffnet diese Art des Klavierspiels eine Schleuse und mit einem Mal gibt der Flügel riesige voluminöse Klangfluten von sich. Immer wieder muss man sich dabei erinnern, dass es doch dieselben zehn Finger sind, die zuvor noch auf dem Flügel Bachs Choral so andächtig singend zu Gehör brachten.
Im zweiten Teil verband die Französin die beiden Seiten in ausgewählten Bearbeitungen von Franz Liszt. In Mozarts »Lacrimosa« aus seinem Requiem jedoch rief auch die vereinte Kraft von Sängerin und Virtuosin nicht dieselbe Tiefe hervor wie das Original. Da kann das Klavier die Ausdrucksfülle von Chor und Orchester doch nicht ersetzen. Schumanns Lieder (Frühlingslied und Liebeslied) passen besser zum Klavier, doch hier verunstalten virtuose Floskeln den ursprünglich intimen Charakter der Kunstlieder. Das ist allerdings eher dem Bearbeiter Liszt als der Interpretin de la Salle zuzuschreiben. Zum Abschluss entfaltete die junge Französin noch einmal ihre Klavierkunst und entführte mit »Isoldes Verklärung« in andere Sphären.
Susann El Kassar
Bachelor Musikjournalismus
24.11.2011
Mehr als nur ein Wortspiel: Junge Wilde treffen auf Junge Wilde
Gerade einmal 5,3 km trennen das Institut für Musik und Musikwissenschaft der TU Dortmund vom Konzerthaus, inhaltlich ist es noch viel weniger. Die Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit zwischen einem der erfolgreichsten Konzerthäuser des Landes und der universitären Ausbildungsstätte, die u. a. den deutschlandweit einzigartigen Studiengang Musikjournalismus beheimatet, liegen auf der Hand.
In diesem Semester gibt es erstmalig ein Projektseminar an unserem Musikinstitut, das speziell auf die »Jungen Wilden« ausgerichtet ist. Nicht nur als reflektierender Beitrag über Musikvermittlung, sondern vor allem auch in Form praktischer Beteiligung: Das Interview des »meet the artist!« mit dem jungen Künstler führt nun ein Studierender des Fachbereichs Musik, eine lockere und produktive Atmosphäre, sozusagen auf Augenhöhe beider Beteiligten. Und auch bei den Schulbesuchen und Konzerthausführungen für die Schulklassen können sich die Seminarteilnehmer einbringen.
Den dritten großen Teil dieser Kooperation haben Sie nun gerade angeklickt: den Blog zu den »Jungen Wilden«. Hier findet sich ein Forum für Texte, Gedanken, Besprechungen und Kommentare aller Art, die sich auf die gemeinsame Arbeit beziehen. So finden Sie an dieser Stelle vielleicht Beiträge zu den Konzerten, Erfahrungen aus den Interviews oder auch generelle Reflexionen über Musikvermittlung – was genau, ist den Studenten überlassen, dieser Blog bietet ihnen nur die Möglichkeit der Veröffentlichung. Und Ihnen hoffentlich eine spannende, aufschlussreiche Lektüre. Viel Spaß dabei!
Alexander Gurdon
TU Dortmund – Institut für Musik und Musikwissenschaft

