SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg

Am 1. Februar 1946 schlug die Geburtsstunde des heutigen SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. Heinrich Strobel, der legendäre erste Musikchef des neuen Senders in der fran­zösischen Besatzungszone, hatte die Fäden gezogen und sorgte dafür, dass das Musikleben des SWF besonders schnell und besonders effektiv in Gang kam. Strobel gelang es auch, die »Kultfigur des deutschen Radios« und damaligen Chef der Münchner Philharmoniker, Hans Rosbaud, nach Baden-Baden zu holen. Mit ihm begannen Aufschwung und internationaler Ruhm des, wie es nun hieß,  »Südwestfunk­orchesters«, das nun die ersten Tourneen ins benach­barte Ausland – Basel, Aix-en-Provence, Paris – machte und sich besonders die damals zeit­genössische Musik angelegen sein ließ. Rosbaud und sein franzö­sischer Nachfolger Ernest Bour – von beider Repertoirebreite, Fleiß, Aufgeschlossen­heit und unbestech­lichen Ohren ist noch heute bewundernd die Rede – verstanden den Rund­funk-Kulturauftrag vor allem als Einsatz fürs Neue, noch Unerprobte.  Dazu kam das Bündnis mit dem Residenz­städtchen Donau­eschingen, das längst Synonym für »Neue Musik« ist. Die Zahl der dort seit 1950 vom SWF Sinfonieorchester uraufgeführten Stücke tendiert gegen 400, und mit seinem Einsatz für die von Henze und Fortner, Zimmer­mann und Ligeti, Penderecki und Stockhausen, Berio und Messiaen, Rihm und Lachenmann komponierten Werke hat das Orchester Musikgeschichte ge­schrieben. Der große Igor Strawinsky hat es in den fünfziger Jahren mit eigenen Kom­po­sitionen mehrfach dirigiert (und bei dieser Gelegenheit seine Vorurteile gegen deutsche Orchester revidieren müssen); und Pierre Boulez begann seine Weltkarriere als Dirigent in Baden-Baden. Dass die im jahrzehntelangen Umgang mit »unspielbaren« neuen Partituren gewonnene instrumentale Souveränität auch dem traditionellen Repertoire zugute kommt, ist unüberhörbar. Denn das Orchester lässt sich nicht auf die Rolle eines Spezialensembles für Neue Musik festlegen: es gibt eine bemerk­enswerte Haydn-Mozart-Tradition etwa, und man bemühte sich um Schreker und Mahler schon, als an eine »Renaissance« dieser Komponisten noch nicht zu denken war. Michael Gielen, Orchesterchef von 1986 bis 1999 und seit 2002 Ehrendirigent, knüpfte mit seiner ironisch-provokanten Erkenntnis, für die Kunst dürfe »man auch das Gehirn be­mühen«, an die Tradition von Rosbaud / Bour an, verstand sich als Musiker, der Kunst keinesfalls »als Palliativum, als Beruhigungsmittel« zu verabreichen habe, sondern als Angebot an eine wache Hörerschaft ansah, »der Wahrheit zu begegnen. Und die ist nicht immer angenehm.« ­ Unroutinierter Umgang mit der Tradition, Aufgeschlossenheit für das Neue und Ungewöhn­liche: Tugenden, über die auch Chefdirigent Sylvain Cambreling in ungewöhnlichem Maße verfügt. Er bildet, zusammen mit seinem Vorgänger Michael Gielen und Hans Zender als ständigen Gastdirigenten, ein Triumvirat, wie es in der internationalen Orchesterlandschaft beispiellos ist. Dass man mit hohen Ansprüchen Erfolg haben kann, beweist das Orchester bis heute. Mehr als 300 von ihm eingespielte Kompositionen sind auf CD er­schienen, und es reist seit 1949 als musikalischer Bot­schafter durch die Welt. Zahlreiche Gastspiele verzeichnet die Orchester­chronik, darunter regelmäßig zum Festival d’Automne Paris, den Salzburger Fest­spielen, nach Wien, Berlin und Edinburgh, Brüssel, Luzern, Strasbourg, Frankfurt...  1999 spielte das Orchester in der New Yorker Carnegie Hall u.a. die amerikanische Erstaufführung von Bernd Alois Zimmermanns »Requiem für einen jungen Dichter«. Vielbeachtete Großprojekte fanden in den letzten Jahren unter anderem bei den Salzburger Festspielen, bei der 1. RUHRtriennale und in der Kulturhauptstadt Europas Graz statt. 2005/06 wurden – neben dem orchestereigenen 60. Geburtstag – sowohl Mozarts 250. als auch Helmut Lachenmanns 70. Geburtstag in etwa einem Dutzend Konzerten zwischen Wien und Paris, Brüssel und Berlin gefeiert. Höhepunkt der langjährigen Zusammenarbeit mit Michael Gielen war im vergangenen Jahr eine sieben Konzerte in fünf europäischen Ländern umfassende Tournee mit Arnold Schönbergs »Gurre-Liedern«, »standing ovations« für den Ehrendirigenten des Orchesters, der seinen 80. Geburtstag am Saisonende gemeinsam mit „seinem“ Orchester beging. Ungewöhnliche Konzert-Konzepte unterstreichen das besondere Profil des Orchesters: So etwa die Verschränkung von Haydns »Sieben letzten Worten« in einer den Raum einbeziehenden Bearbeitung von Sylvain Cambreling mit Messiaens »Et exspecto resurrectionem mortuorum« und literarisch-theologischen Betrachtungen von Martin Mosebach, oder eine »Hommage à Mozart« gemeinsam mit dem Freiburger Barockorchester. »Zwischenräume« hieß das aufsehenerregende Cross-Over-Projekt, bei dem das SWR Sinfonieorchester gemeinsam mit den »Söhnen Mannheims« im März 2007 eine konzeptionelle Verbindung von Popmusik und Orchesterrepertoire (bis hin zu Ligetis »Atmospphères«) schuf und damit auf Tournee von Publikum und Presse begeistert gefeiert wurde.