Dieter Ilg

Man könnte es sehr flapsig formulieren und einfach sagen: Dieser Mann schreckt vor fast nichts zurück. Es ließen sich hierfür sogar Beispiele finden: Als Dieter Ilg im Februar dieses Jahres ein Album unter dem Titel »Folk Songs« herausbrachte, stockte dem Zuhörer zuweilen der Atem. Aus »Guter Mond du gehst so stille«, »Im Märzen der Bauer« oder »Frère Jacques« waren mal zarte, mal harsche, stets allerdings im Wortsinne unerhörte Instrumentaljazz-Versionen früherer Gassenhauer geworden. Den Besuchern seiner Konzerte fehlten zumeist die Worte, das Tun des Freiburger Kontrabassisten hinreichend zu würdigen. Ilg aber war hier noch lange nicht am Ende seiner Vorstellungswelten angekommen, was nun sein neues Otello-Trio aus dem Pianisten Rainer Böhm und dem Perkussionisten und Schlagzeuger Patrice Heral belegt. Ilg hat sich in die Opern-Vergangenheit begeben und aus Verdis Erfolgsstück jene Ingredienzien heraus destilliert, die sich mit dem Jazz zu einer bislang noch nicht gehörten Musik verbinden lassen. Das Ergebnis wird inzwischen nicht nur als intellektuelle Großtat und ein neues Kapitel der Jazzgeschichte beschrieben, es soll zudem einen außerordentlich hohen Unterhaltungsfaktor besitzen. Ein Hattrick, der mit Dieter Ilg natürlich keinem Unbekannten gelang. Der 48-Jährige zählte zum Quintett Randy Breckers, spielte bei Albert Mangelsdorff und Wolfgang Dauner, stand in seinen eigenen Formationen neben Mike Stern, Wolfgang Muthspiel, Roberto di Gioia und Wolfgang Haffner und arbeitete auf Studioproduktionen von Charlie Mariano, Nils Landgren, Till Brönner, Rebekka Bakken oder Rolf Kühn mit. Die Liste ließe sich beinahe beliebig verlängern. Mit seinem jungen Landsmann Rainer Böhm und dem Franzosen Patrice Heral aber ist Ilg nun ein Husarenstück gelungen, mit dem er bisher leider nur ausgewählte Bühnen Süddeutschlands besuchte. »Die Musik Verdis ist nur der Ideengeber für ganz eigene Kompositionen», schrieb Wolfgang Epp in den »Badischen Neuesten Nachrichten«, »immer ist man gespannt, wie etwa aus einem recht einfachen Thema eine Geschichte wird oder sich aus einer lyrisch zarten Ausgangslage eine wahrhaft euphorisch eruptive Gefühlsaufwallung entwickelt.« Neben Ilgs erzählerischem Bass und dem ausdrucksvoll-brillanten Piano Böhms glänzt Heral nicht nur als Schlagzeuger, sondern bedient auch noch elektronische Samples, ohne sie je zu Gags und Gimmicks verkommen zu lassen.