Grafik zu Joshua Bell basierend auf einem Foto, das ihn spielend zeigt
Joshua Bell © Benjamin Ealovega

Immer mit Seele

Das gute, alte Radio. Es lief und lief. Meist war es Musik, die aus dem Lautsprecher kam, und Joshua, der Junge aus Bloomington in Indiana, Amerikas Nordosten, hörte zu. Gern und ausgiebig. Außerdem gab es Live-Musik im Haus. Die Mutter spielte Klavier, Beethoven und vor allem Chopin, fast wie beim jungen Thomas Mann. Schließlich waren da noch seine beiden Schwestern. Die eine liebte das Cello, die andere das Klavier. »Ich hatte also eine sehr musikalische Familie«, sagt Joshua Bell rückblickend. Ein Glücksfall will, dass er mit zwölf Jahren Josef Gingold kennenlernt, der einst Schüler von Eugène Ysaÿe und 1920 in die USA emigriert war, Lehrer, Autor und vor allem Geiger. »Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich mich in die Violine verliebt habe«, gesteht Bell, »er hatte eine Stradivari, die er mich gelegentlich spielen ließ«. Heute ist Bell selbst im Besitz eines dieser Zauberinstrumente des berühmten Cremoneser Geigenbauers. Es trägt den Namen »Gibson ex Huberman«, benannt nach dem großen polnischen Geigenvirtuosen Bronisław Huberman – und ist zugleich ein Instrument mit bewegter Geschichte. Gleich zweimal geriet die 1713 gebaute Geige in die Fänge von Langfingern. 1919 verschwand sie aus einem Wiener Hotel, 1936 aus der Künstlergarderobe der New Yorker Carnegie Hall, während Huberman mit einer anderen Geige auf der Konzertbühne stand. Er sah sein Instrument nie wieder. Mitte der 1980er-Jahre tauchte es, nach dem Geständnis eines windigen Unterhaltungskünstlers, unvermutet wieder auf. Auf Umwegen kam sie schließlich, für einen saftigen Millionenbetrag, zu ihrem heutigen Besitzer: Joshua Bell.

Mit dieser kostbaren Geige fährt Bell am 12. Januar 2008, morgens um kurz vor acht, im Taxi zur Metro-Station L’Enfant Plaza in Washington. Er zieht ein Baseball Cap auf, stellt sich an die luftige Durchgangstür – und beginnt zu spielen. Er erklimmt gleich zu Anfang einen Gipfel der Geigenkunst, die Chaconne von Bach. Achtlos gehen die Leute vorbei, 63 genau genommen, bis erstmals ein paar Münzen in den vor ihm liegenden Geigenkoffer fallen. Es klimpert noch einige wenige Male. Nach 43 Minuten hat Bell gerade einmal 32 Dollar und wenige Cent eingesammelt. Das Experiment im Auftrag der »Washington Post« ist damit beendet. Eine Kurzfassung des Videos kursiert im Internet und ist seither knapp 9 Millionen Mal angeklickt worden, mehr als 50.000 Daumen zeigen nach oben. Bell hat später zugegeben, dass er bei diesem Experiment einiges gelernt habe, über den eigenen Wert als Musiker, Grenzsituationen, Flüchtigkeit und über die Bedeutung von Kunst. Es mache eben kaum Sinn, die Menschen nebenbei mit hochrangiger Musik berieseln zu wollen. »Das Leben ist geräuschvoll und lärmig genug. Man wünscht sich keine Klangtapete aus guter Musik.«

Grafik zu Joshua Bell mit Typografie
© Benjamin Ealovega

Als der »Spiegel« vor zwei Jahren über eines von Bells Konzerten berichtet, ist keine Jubelpose zu klein: »Hier geschieht Musikgeschichte!«, »Weltniveau«. Darin aber spiegelt sich zugleich der Zauber, den Joshua Bell zu entfachen vermag. Denn Bell ist kein Geiger, der auf Effekte zielt. Er will nicht mit Bravour beeindrucken. Vielmehr ist er ein Nuancen-Sucher, ein Musiker, der sich über Farbe und Stimmung definiert und trotzdem verblüfft. Vielleicht liebt er deshalb auch das Violinkonzert von Antonín Dvořák so sehr, dessen langsamen Satz er als das »Herzstück« dieses Werks ausmacht. »Dieser langsame Satz ist einer der schönsten in der gesamten Konzertliteratur überhaupt.« 

1981, mit gerade einmal vierzehn Jahren, debütiert Joshua Bell beim Philadelphia Orchestra. Riccardo Muti dirigiert Mozarts G-Dur-Konzert. Entscheidende Erfahrungen sammelt er später in Vermont, beim jährlichen Sommerfestival von Marlboro, dessen prägende Geister lange Jahre Adolf Busch und später der Pianist Rudolf Serkin waren – ein Festival des kammermusikalischen Miteinanders, ein Retreat für Musikerinnen und Musiker, die als Versprechen für die Zukunft gehandelt werden. Hier lernt man nicht die Verschleiß-Seiten eines kräftezehrenden Musikbetriebs kennen, sondern die Faszination gemeinschaftlichen Musizierens.

Diese Erfahrungen haben Bell sicherlich geprägt, wenn er neben der Rolle des Geigers vermehrt auch die eines Dirigenten annimmt. Seit Beginn der Spielzeit 2011/12 ist er als Musical Director bei der Londoner Academy of St Martin in the Fields, die einst von Neville Marriner gegründet und zu Weltruhm geführt worden war. Wenn Bell einem solchen Orchester seit so langer Zeit eng verbunden ist, beweist das seine Qualitäten, aber zugleich auch die musikalischen Werte, für die er einsteht, und seine Wandlungsfähigkeit. Früher hat er sich vor allem an der romantischen Generation des Geigenspiels orientiert: Jascha Heifetz, Fritz Kreisler, Henryk Szeryng, Nathan Milstein. Allerdings, so schränkt Bell ein, habe die historische Aufführungspraxis in den vergangenen Jahrzehnten vieles verändert: »den Gebrauch des Bogens, das Tönehalten, die Schwere, den Mangel an Tänzerischem oder auch manche Bindebögen«. Allerdings warnt Bell davor, dabei allzu ideologisch vorzugehen. Er habe einige Konzerte mit Barock-Spezialisten gehört und anschließend gedacht: »Es ist alles so korrekt, so authentisch, doch wo ist die Seele?« Seele, das ist ein Begriff, den man in Zusammenhand mit Bells Geigenspiel häufig verwenden kann. Voraussetzung dafür sind allerdings zwei Facetten, die wie siamesische Zwillinge zusammengehören: »Emotionalität ist Musik. Und Technik ist auch Musik. Sie sind in einer Weise verbunden, dass man sie nicht auseinanderdividieren kann.« Das klingt zunächst einmal selbstverständlich. Aber Joshua Bell weiß natürlich genau, wie schwer es ist, beide Seiten zusammenzubringen. Und das allein reicht dann immer noch nicht aus, um ein Geiger von Weltrang zu werden.

    • Do 08.05.2025
    • 19.30 Uhr
    Joshua Bell spielend

    Diese Veranstaltung liegt in der Vergangenheit!

    Orchesterkonzert

    Joshua Bell, Daniel Harding & Orchestra Santa Cecilia

    Dvořák Violinkonzert und Mahler 1. Sinfonie