Ein Mann in einem blauen Anzug spielt Bratsche. Er hat geschlossene Augen und konzentriert sich auf sein Spiel.
Antoine Tamestit © lenaka.net

Für immer: Bratsche

Bratschist Antoine Tamestit ist Curating Artist der Saison 2026/27 und begeisterter Botschafter seines Instruments.

Sie galt lange als Stiefkind unter den Streichinstrumenten: Die Viola ist bekannt dafür, Begleitstimme zu sein, die harmonischen Lücken zwischen Violinen und Celli zu füllen. Als Soloinstrument stand die Bratsche bis ins 20. Jahrhundert hinein im Schatten der Geige. Erst Künstler wie Paul Hindemith erweiterten mit ihren Kompositionen das Repertoire für dieses oftmals unterschätzte Instrument und ebneten der Bratsche und denen, die sie spielen, den Weg. International erfolgreiche Bratschistinnen und Bratschisten gibt es allerdings bis heute nur wenige. Einer von ihnen ist Antoine Tamestit, Curating Artist der Spielzeit 2026/27. Der Franzose ist ein begeisterter Botschafter seines Instruments und wird im Frühjahr eine ganze Festivalwoche gestalten, bei der die Viola glänzen kann. 

»Meine Mission ist es, dass sich das Publikum in mein Instrument und seinen Klang verliebt«, sagt der 46-jährige Musiker. Und Antoine Tamestit weiß, wovon er spricht. Seine erste Begegnung mit einer Bratsche war »Liebe auf den ersten Blick«, wie er es heute noch beschreibt. Oder vielleicht besser: Liebe auf den ersten Ton. Schließlich vereint die Bratsche die besten Seiten von Geige und Cello, berührt mit ihrer warmen Klangfarbe und beeindruckt gleichzeitig durch ihre Vielseitigkeit.

Eine Bratschenschnecke und Notenblätter sind auf einem blauen Holztisch zu sehen. Über dem Bild sind Noten und musikalische Symbole transparent überlagert.
© lenaka.net

Antoine Tamestit war neun Jahre alt, als er zum ersten Mal Bachs Cello-Suiten hörte. Er, der seit seinem fünften Lebensjahr Geigenunterricht bekam, wollte von da an lieber Cello spielen. Dieser Wunsch habe einen halben Tag angedauert, so der Bratschist. Der junge Franzose und das Cello – es passte nicht. Für den Sohn von Geiger und Komponist Gérard Tamestit fühlte sich ein Instrument auf der Schulter natürlicher an. Als er erfuhr, dass die Cello-Suiten auch mit einer Bratsche gespielt werden konnten, spannte der junge Tamestit Bratschensaiten auf eine Geige. »Richtig geklungen hat das bestimmt nicht«, sagt er. Aber die Klangfarbe hat ihn direkt berührt: »Das war meins. Ich wollte nie wieder etwas anderes.«

»Das beste Kompliment ist, wenn jemand nach einem Konzert auf mich zukommt und sagt: Ich wusste gar nicht, dass die Bratsche so klingen kann.« Antoine Tamestit

Die Viola wird sein Instrument – und der Franzose zu einem international anerkannten Bratschisten, gefragten Solisten und Kammermusiker. Studiert hat Antoine Tamestit in Paris, den USA und auch in Deutschland. Jean Sulem, Jesse Levine und Tabea Zimmermann haben ihn unterrichtet. Der Professor am Pariser Konservatorium habe ihm Technik und Struktur gelehrt, Jesse Levine Klang und Ausdruck, und bei Tabea Zimmermann habe er gelernt, »die Bühne zu verstehen«.

»Ich fühle mich in Dortmund auch zu Hause. Die Bühne, die Garderobe, das Haus: Ich kenne es sehr gut. Es ist für mich immer wieder wie nach Hause zu kommen.« Antoine Tamestit

Mittlerweile steht Antoine Tamestit auf den großen Bühnen der Welt, begeistert mit seiner Technik und wird geschätzt für seine warme, farbenreiche Tongebung. Als Curating Artist kehrt der ehemalige »Junge Wilde« und Porträtkünstler der Saison 2017/18 einmal mehr ans Konzerthaus Dortmund zurück – für ein Festival, das nicht allein die Vielseitigkeit seines Instruments, sondern auch die vielen Facetten des Musikers zeigt, der als Sohn jüdischer Eltern in Frankreich aufwuchs, als Fürsprecher Neuer Musik bekannt ist und als Lehrer Nachwuchskünstlerinnen und -künstler fordert. Eine Woche lang lassen sich all diese Seiten des Bratschisten erleben – ähnlich einem Kaleidoskop fugt das Programm seine Persönlichkeit, seine musikalischen Wurzeln, Standardwerke und Neue Musik zu einem musikalischen Mosaik zusammen.

Ein Mann hält ein Bratsche in den Händen. Im Hintergrund sind Notenblätter und musikalische Noten sichtbar.
Antoine Tamestit © lenaka.net

Unter der Leitung seines Freundes Klaus Mäkelä und mit dem Orchestre de Paris wird Antoine Tamestit das Violakonzert des Briten William Walton erklingen lassen – eines der wenigen bedeutenden Bratschenkonzerte, die es gibt. Ein zweites großes Konzert für Bratsche und Orchester stammt von dem 1973 geborenen Italiener Francesco Filidei. Das erst 2024 uraufgeführte Werk sprüht vor Humor und setzt sich musikalisch mit der Außenseiter-Rolle der Bratsche auseinander. Auch hier bringt Tamestit mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Sir Simon Rattle eine Bestbesetzung nach Dortmund. 

»Ich liebe Kammermusik«, erklärt Antoine Tamestit, warum diese bei »seinem« Festival nicht fehlen darf. Für ihn ermöglicht diese Musikform, »Freundschaften zu schließen, ohne zu reden«. Interaktion ist für Antoine Tamestit ein zentrales Element seines Musikerlebens. »Als Menschen brauchen wir die Interaktion, um existieren zu können«, so der Musiker, der betont, bei der Bratsche gehe es darum, »nicht immer glänzen zu wollen, sondern auch mal die Nebenrolle zu spielen«. Die Bratsche lebt vom Zusammenspiel. »Wir Bratschisten sind Teamworker«, weiß Tamestit, der auf der ältesten noch existierenden Viola von Stradivari spielt. »Aber es ist sehr schön, wenn auch ein Teamworker glänzen und ich zeigen kann, was mein Instrument ausmacht.«

Text: Corinna Ludwig

    • Sa 13.03.2027
    • 16.00 Uhr
    Im Vordergrund sitzen zwei Personen auf einem blauen Sofa. Sie halten Dokumente und Tablet.

    Musik & Dialog

    Salon – Im Gespräch mit Antoine Tamestit

    • Sa 13.03.2027
    • 19.30 Uhr
    Ein Mann mit dunklen Haaren und einem lächelnden Gesicht steht vor einem Fenster. Er trägt ein schwarzes Hemd und hält ein Geigenbrett an seiner Schulter.

    Für Neugierige

    Antoine Tamestit & SWR Ensemble – Schalom Alechem

    Jüdische Musik von Bloch bis Klezmer

    • So 14.03.2027
    • 18.00 Uhr
    Ein Mann hält eine Bratsche an der Schulter. Er trägt ein dunkles Hemd.

    Kammermusik

    Antoine Tamestit & Friends – Brahms Streichquintette

    • Mo 15.03.2027
    • 19.30 Uhr
    Zwei Personen stehen im Freien, umgeben von Bäumen und Grün. Die Person links trägt ein schwarzes Kleid mit Spitze und hält eine Violine.

    Kammermusik

    Duoabend Antoine Tamestit & Alexandra Preucil

    Tänze für Violine und Viola von Bartók und Bach

    • Fr 19.03.2027
    • 19.30 Uhr
    Eine Person mit dunklem T‑Shirt steht seitlich neben einer hölzernen Wand und blickt in einen hell ausgeleuchteten Innenraum.

    Orchesterkonzert

    Antoine Tamestit, Klaus Mäkelä & Orchestre de Paris

    Walton Violakonzert und Brahms Dritte Sinfonie

    • Sa 20.03.2027
    • 11.00 Uhr
    Mann blickt frontal in die Kamera, Hände nach vorn gestreckt, Finger gespreizt. Dunkles Hemd, blauer Hintergrund, naher Oberkörperausschnitt.

    Kammermusik

    Antoine Tamestit – Matinée française

    mit Klaus Mäkelä, Daniel Lozakovich und Frank Braley

    • Sa 20.03.2027
    • 14.00 Uhr
    Mann hält eine Bratsch am Hals in der linken Hand und zeigt mit rechter Hand nach vorn. Ein Auge geschlossen, grauer Pullover, blauer Hintergrund.

    Musik & Dialog

    Öffentliche Masterclass mit Antoine Tamestit

    Der Bratscher unterrichtet Studierende der NRW-Musikhochschulen

    • Sa 20.03.2027
    • 19.30 Uhr
    Das Bild zeigt einen Musiker beim Auftritt im Konzerthaus Dortmund, aus dem Backstage-Bereich aufgenommen. Hinter ihm ist die schwere Bühnentür zu sehen, die den Moment zwischen Konzentration und Bühne spürbar macht.

    Für Neugierige

    Antoine Tamestit präsentiert: Überraschungskonzert – Der Joker

    • Mi 19.05.2027
    • 19.30 Uhr
    Eine Person beugt sich über einen großen Notenbogen und schreibt konzentriert daran, sitzend in einem schlicht eingerichteten Raum mit hellen Möbeln.

    Orchesterkonzert

    Sir Simon Rattle & BR-Symphonieorchester – Beethoven Eroica

    Antoine Tamestit spielt Filidei Violakonzert