Blaues Grafikmotiv aus zahlreichen Zahnrädern, Linien und Kreisen, die ein symmetrisches, technisches Muster rund um eine leere Mitte bilden.

Der Klangtüftler

Wer Constantinos Carydis am Pult erlebt, merkt schnell: Hier steht einer, der nicht sich selbst inszeniert, sondern die Musik. In Dortmund lässt er das WDR Sinfonieorchester mit Liszt und Schostakowitsch sprechen.

Er verkörpert eine seltene Mischung aus Perfektionist und Abenteurer, der Partituren seziert und sie dann mit geradezu körperlicher Energie zum Leuchten bringt. Constantinos Carydis ist bekannt als penibler Klangtüftler, dem an Sinn und Sinnlichkeit des Notentextes gleichermaßen gelegen ist. Dabei bleibt er als Person lieber unauffällig im Hintergrund, ein irgendwie gearteter Starkult ist seine Sache nicht. Während sich andere als Marke inszenieren, ist der griechische Dirigent ein eher unauffälliger Vertreter seines Fachs. Er gibt nur sehr selten Interviews, hält sein Privatleben aus der Öffentlichkeit heraus und pendelt eher geräuschlos zwischen großen Häusern wie der Wiener Staatsoper, der Bayerischen Staatsoper, der Oper Frankfurt oder dem Royal Opera House: ein Terminkalender, der eher an einen Spitzenathleten erinnert.

Person dirigiert mit erhobenen Händen vor blauem Hintergrund; darüber liegen grafische Musik‑ und Zahnradmotive in Weiß.
Constantinos Carydis © Thomas Brill

Am Münchner Gärtnerplatztheater und an der Staatsoper Stuttgart begann einst Carydis’ Opernkarriere. Hier schärfte er seinen Sinn für dramatische Zuspitzung. Es folgten Einladungen an die Wiener Staatsoper und an die Oper Frankfurt. International machte er sich mit Produktionen am Royal Opera House Covent Garden in London, an der Nationale Opera in Amsterdam und der Opéra de Lyon einen Namen – oft mit mutigen, zeitgenössischen Regiekonzepten. Carydis ist aber kein Dirigent, der sich auf einem Kern- oder Opernrepertoire ausruhen würde. Neben Mozart, Bizet, Debussy oder Strauss setzt er sich ebenso selbstverständlich für zeitgenössische Musik ein, etwa bei der Uraufführung von Nicolas Bacris »Quasi una fantasia« mit dem Mahler Chamber Orchestra in Baden-Baden. Beim »Enescu Festival« in Bukarest kombinierte er Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 mit der Fünften Sinfonie von Schostakowitsch – ein Programm, das seine Lust an Kontrasten und ungewöhnlichen Kombinationen zeigt. Im Konzerthaus Dortmund gesellt sich Franz Listzs ebenso brillantes wie monumentales Klavierkonzert Nr. 1 zu Schostakowitschs Fünfter, der zumindest vordergründigen Verkörperung einer musikalischen Rückkehr des angefeindeten Komponisten in den Schoß der Partei. Und mit Periklis Koukos’ »Prooimion«, einem tönenden Prolog zu Homers »Odyssee«, hat Carydis im Konzerthaus auch ein Werk eines Landsmanns im Gepäck.  

»Constantinos Carydis redet nicht so sehr über den intellektuellen Überbau, aber sehr genau über die musikalische Architektur. Und er ist auch in jeder Probe da, schon eine halbe Stunde vorher sitzt er da und vertieft sich in die Partitur.« Regisseur Barry Kosky hat sich in einem Interview mit dem Magazin »Die Deutsche Bühne« so über den Dirigenten geäußert. Trotz solcher Lobeshymnen und etlicher anderer Meriten bleibt Carydis ein Dirigent ohne Starallüren: kein Lautsprecher, sondern ein neugieriger Forscher. Generell lässt Carydis lieber die Musik als Worte sprechen. In einem Gespräch mit dem Journalisten Marc Berry hat er das so ausgedrückt: »Manchmal können wir zu viel über Musik reden. Wenn wir die Musik vollständig erklären könnten, bräuchten wir sie nicht. Es ist manchmal besser zuzuhören.« Carydis dirigiert ohne Taktstock, nur mit Händen, Blicken, Atem – und mit einer fast kammermusikalischen Nähe zum Orchester. In Proben arbeitet er beharrlich an Mittel- und Nebenstimmen, an der Verteilung von Bläserfarben, an der Artikulation der Streicher, bis er mit dem Ergebnis zufrieden ist.

Geboren 1974 in Athen, wuchs Carydis in einer Familie auf, in der der Orchesterklang so selbstverständlich präsent war wie das Meer vor der Haustür. Sein Onkel, der Dirigent Miltiades Caridis, war ein frühes Vorbild – aber Carydis wählte seinen eigenen Weg und studierte zunächst Musiktheorie und Klavier am Nationalen Konservatorium von Athen, bevor er zum Dirigieren nach München ging. Schon früh wurde klar: Dieser Dirigent will nicht im Rampenlicht glänzen, sondern durch die Partitur. Carydis gilt als hochgradig fantasievoll und scharfsinnig, ist akribisch in seiner Vorbereitung. 2011 erhielt er den mit 10.000 Euro dotierten »Carlos-Kleiber-Preis« der Bayerischen Staatsoper – eine Auszeichnung, die an einen der legendärsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts erinnert. In der Jury saßen damals unter anderem der Staatsintendant und der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper sowie Vertreter des Orchesters – ein Vertrauensvotum aus dem Innersten eines großen Hauses.

Text: Guido Krawinkel

    • So 17.05.2026
    • 16.00 Uhr
    Dirigent Constantinos Carydis bei einer Probe, die Hände dirigierend vor der Brust

    Diese Veranstaltung liegt in der Vergangenheit!

    Orchesterkonzert

    Constantinos Carydis & WDR Sinfonieorchester

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