Person in runder Bildöffnung vor blauem Hintergrund, umgeben von einer strahlenförmigen, hellen Liniengrafik im minimalistischen Stil.
Manfred Honeck © Todd Rosenberg

Das letzte Wort ist nicht das Dunkel

Manfred Honeck widmet sich mit einem gewaltigen Ensemble Franz Schmidts Oratorium »Das Buch mit sieben Siegeln« zwischen Apokalypse und Hoffnung.

»Gnade sei mit euch und Friede…« Mit diesem biblischen Satz beginnt eine der gewaltigsten Klangvisionen der Musikgeschichte: Franz Schmidts Oratorium »Das Buch mit sieben Siegeln«. Zwischen 1935 und 1937 entstanden, ist es mehr als ein monumentales Spätwerk – es ist ein musikalisches Ringen mit den letzten Dingen: Untergang und Hoffnung, Gericht und Erlösung.

Die Offenbarung des Johannes liefert die dramatische Vorlage: apokalyptische Reiter, Naturkatastrophen, das Weltgericht. Schmidt übersetzt diese Bilder in eine Klangsprache von großer Farbigkeit. Gewaltige Chorszenen, gleißende Blechblöcke und die Orgel – mal grollender Abgrund, mal strahlende Fanfare – entwickeln eine unglaubliche Wucht, die sich mit leisen, fast kammermusikalischen Momenten mischt: Duette, Gebete, Inseln der Hoffnung. Am Ende steht die Vision eines »neuen Himmels und einer neuen Erde« – ein Lichtstrahl nach dem Sturm.

Doch das Werk ist nicht nur religiöse Meditation, sondern auch ein Dokument seiner Zeit. Die Uraufführung 1938 fiel in die Monate des »Anschlusses« Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Während draußen die Weltordnung zerbrach, entwarf Schmidt eine Musik, die Trost und Transzendenz suchte: fern jeder Ideologie, aber nicht frei von der bedrückenden Atmosphäre jener Jahre. Vielleicht erklärt das die existenzielle Dringlichkeit, die in jeder Note spürbar ist.

Im Konzerthaus Dortmund lässt Manfred Honeck dieses selten aufgeführte Werk lebendig werden: Mit hochkarätigen Solistinnen und Solisten sowie Chören und Orchester des MDR und NDR erweckt er die fundamentale Antithese von Gut und Böse – musikalisch übersetzt im Nebeneinander von Wohlklang und schneidender Dissonanz.

Wer sich dieser Klangwelt öffnet, erlebt mehr als ein historisches Monument: eine Botschaft, die auch heute berührt – zwischen Angst und Hoffnung, Dunkel und Licht. 

Text: Katharina Dröge

    • So 03.05.2026
    • 19.00 Uhr
    Dirigent Manfred Honeck mit einem Taktstock in der rechten Hand, Arme vor dem Bauch gekreuzt, Blick nach links gerichtet

    Diese Veranstaltung liegt in der Vergangenheit!

    Chorkonzert

    Manfred Honeck dirigiert »Das Buch mit sieben Siegeln«

    Franz Schmidts monumentales Oratorium mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester