Auf den Spuren der Hoffnung
Immer wieder widmet sich Bariton Benjamin Appl Liedern verfemter oder verfolgter Komponistinnen und Komponisten. Jetzt kann er sie bei einem Wandelkonzert auf den Spuren jüdischer Stadtgeschichte zum 80. Jahrestag des Kriegsendes präsentieren.
In Ihren Programmen taucht immer wieder Musik von Komponistinnen und Komponisten auf, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Wann haben Sie begonnen, sich mit diesem Repertoire zu beschäftigen?
Diese doch sehr wichtige, schreckliche Zeit deutscher Geschichte hat mich seit meinen Kinderjahren immer sehr interessiert. Aus mehreren Gründen. Zunächst existierte da in meinem Heimatort das Tagebuch des damaligen Priesters, der darin detailgetreu und nah am Menschen die Wirren des Krieges und der Nachkriegszeit dokumentiert hat. Ich erinnere mich an einen Abend, an dem er daraus vorlas. Das war ziemlich direkt, weil da genannt wurde, auf welchen Seiten die Menschen damals standen. Ich hatte auch einen Großvater, der im Krieg seinen Fuß verloren hat, er wurde amputiert. Für mich als Kind war das ein prägendes Erlebnis, mit diesem Großvater aufzuwachsen und Menschen kennenzulernen, die bis zum Lebensende psychisch und körperlich die Kriegszeiten oft nicht aufarbeiten konnten. Auch die Begegnung über ein Album der Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter mit Liedern aus Theresienstadt, das ich als junger Gesangsstudent gehört habe, hat zu meinem Interesse für dieses Thema wesentlich beigetragen.
Wie hat sich dieses Interesse dann ausgewirkt?
Ich habe verschiedene Projekte geplant und durchgeführt. Ich sehe das Erinnern an diese Komponistinnen und Komponisten als Herausforderung an meine Generation, die wir das große Glück hatten, noch Holocaust-Überlebende kennenzulernen. Ihre Erfahrungen aus erster Hand zu hören, ist etwas ganz Besonderes. Die nächste Generation hat diese Möglichkeiten nicht mehr. Wir müssen versuchen, mit allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten dieses Wissen, diese emotionale Verbindung in die nächste Generation zu tragen.

Wie ist das Dortmunder Wandelkonzert zum 80. Jahrestag des Kriegsendes zustande gekommen?
Ich habe mit dem Konzerthaus Dortmund inzwischen eine mehrjährige künstlerische Verbindung, und so kamen wir gemeinsam auf die Idee. Ich versuche ja, meiner Liebe für das Lied immer wieder eine Richtung zu geben und das deutsche Lied von verschiedenen Blickwinkeln aus zu betrachten. Und die Idee eines Wandelkonzerts fand ich da sehr schön, bei dem unterschiedliche Orte mit verschiedenen thematischen Schwerpunkten verbunden werden. Keine leichte Aufgabe, organisatorisch.
Welche Stationen sind vorgesehen?
Das Konzert wird in der Synagoge beginnen und im Konzerthaus enden. Der Plan ist, dass das Publikum entlang verschiedener Stationen durch die Stadt geht. Die Menschen sollen während des Gangs dafür sensibilisiert werden, wie Dortmund sich verändert hat. Die Menschen sollen während des Gangs dafür sensibilisiert werden, wie Dortmund sich verändert hat. Es soll aufmerksam gemacht werden auf die Zerstörungen nach dem Zweiten Weltkrieg, aber auch auf das Engagement und den Einsatz von Privatpersonen, Dortmund schnell wieder aufzubauen. Was wir darstellen wollen ist vor allem, dass es eine Zäsur gab in der Geschichte. Zum einen gibt es einen Rückblick auf das Grauen des Krieges, und trotzdem ist da auch dieser Blick nach vorn.
Können Sie schon Konkretes über das ausgewählte Repertoire sagen?
Das ist im Moment – Anfang Februar – noch nicht vollständig festgelegt. Für den Auftritt im Konzerthaus selbst planen wir etwas zum Thema politisches Lied, etwas über den Missbrauch von Musik. Auch wird es Lieder von Emigranten geben, zum Beispiel von Hanns Eisler oder Kurt Weill. Auf dem Rundgang erklingen Lieder aus dem Ghetto Theresienstadt. In der Dortmunder Synagoge wird sicher auch ein Lied von Mauricio Kagel mit auf dem Programm stehen, aus seinem Solozyklus »Der Turm zu Babel«. Und das berühmte Lied von Richard Strauss »Morgen« wird auch zu hören sein.
Hat sich die Struktur und der Inhalt eines Liederabends im Laufe der Musikgeschichte wesentlich verändert?
Sagen wir mal so, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Liederabend in eine gewisse Richtung gelenkt. Gerade auch durch meinen Mentor und Lehrer Dietrich Fischer-Dieskau. Man hat nur einen Komponisten am Abend präsentiert, nur Lieder von Robert Schumann zum Beispiel, oder nur welche von Hugo Wolf. Und man hat keine Opernarien gebracht. Diese Art zu Programmieren hat sich bis heute mehr oder weniger erhalten. Aber ich lerne immer etwas Neues dazu. Natürlich finde ich es wichtig, auch Lieder aus anderen Zeiten zu singen, eine andere Richtung einzuschlagen, um dadurch einen persönlichen Stil zu entwickeln. Dazu gehört auch dieses spezielle Repertoire. Und hier halte ich es für bedeutsam, dass Musikerinnen und Musiker ihren eigenen Weg finden, diese Werke zwar emotional zu präsentieren, aber ohne dass sie, sagen wir mal, für die eigenen Zwecke missbraucht werden. Dafür ist wirklich eine feine Balance nötig.
Wie lassen sich die Lieder aus Theresienstadt charakterisieren, die Sie in Dortmund singen werden?
Sie sind unter sehr schwierigen Umständen entstanden. Sie wurden auch zum Teil nicht von typischen Liedkomponisten geschrieben, sie kamen manchmal auch eher aus der Unterhaltungsbranche. Manche sind auch nicht wirklich Profis gewesen, die von ihrer Arbeit gelebt haben. Ich denke da an die Schriftstellerin Ilse Weber, die in Theresienstadt eine Kinderkrankenschwester war und Musik nur als Hobby betrieb. Teilweise sind nur die Melodien notiert, teilweise wurden die Lieder nur mündlich weitergegeben. Manchmal ist die Musik relativ einfach strukturiert. Auf der anderen Seite ist sie aber auch bewegend und berührend. Nicht nur wegen ihrer Geschichte, sondern weil es einfach Musik ist, die aus dem Herzen kommt.
Wir sprechen zu einer Zeit, in der rechte Kräfte erstarken, der Antisemitismus zunimmt und die Demokratie in Bedrängnis gerät. Welches Ziel verfolgt in diesem Zusammenhang ihr Dortmunder Projekt?
Für mich ist es zum einen wichtig, dass wir jüdische Geschichte zum Thema machen können. Zum anderen ist es für mich aber auch ein Anliegen, dass wir auch auf andere Aspekte von Verfolgung eingehen, also generell Menschen porträtieren, die verfolgt wurden. Ich denke, wir leben in einer Zeit, in der es ganz grundsätzlich wieder mehr um Abgrenzung geht. Wenn ich ins Flugzeug einsteige oder in der U-Bahn sitze, habe ich den Eindruck, dass Menschen sich einander mehr und mehr ausgrenzen, egoistischer denken. Dabei wird das kollektive Wir-Gefühl immer kleiner. Es geht nur ums Ich. Neid spielt eine ganz große Rolle und das Gefühl, dass man zu kurz kommt. Das ist ein Gefühl, gegen das unsere Gesellschaft momentan sehr ankämpfen muss. Dazu gehört für mich auch der Antisemitismus. Gerade deshalb aber soll unser Dortmunder Projekt unbedingt hoffnungsvoll enden: Mit einem Wunsch für ein friedliches Miteinander.
Das Interview führte Markus Bruderreck.
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- Fr 09.05.2025
- 18.00 Uhr
Diese Veranstaltung liegt in der Vergangenheit!
Für Neugierige
Wandelkonzert mit Benjamin Appl
Auf den Spuren jüdischer Stadtgeschichte zum 80. Jahrestag des Kriegsendes
- Mitwirkende
- Mitwirkende
- Benjamin Appl Bariton
- James Baillieu Klavier
- Edeltraud Appl Gitarre
- Volker Bürger Dramaturgie
- Johanna Ruppert Dramaturgie
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