Handschriftlicher schwarzer Text auf weißem Grund über ein Konzert im Konzerthaus Dortmund mit Beethovens 7. Symphonie.

Beethoven weiterdenken

Jörg Widmann gehört zu den Musikern, die mehrere Rollen selbstverständlich miteinander verbinden: Er ist einer der bedeutendsten Komponisten unserer Zeit, ein gefragter Klarinettist und Dirigent. Im Gespräch erzählt der gebürtige Münchner, warum diese Rollen für ihn untrennbar miteinander verbunden sind, wie aus kindlicher Improvisation das Komponieren entstand und weshalb Beethoven für ihn bis heute radikal modern klingt.  

Sie stehen als Solist auf der Konzertbühne, als Dirigent vor internationalen Orchestern und komponieren. Wie prägen diese unterschiedlichen musikalischen Identitäten Ihre Arbeit?  

Person sitzt an einem Tisch in einem bläulich beleuchteten Raum, über dem mehrere große, helle Lampen hängen.
Jörg Widmann © Marco Borggreve

Diese Mehrfachtätigkeit empfinde ich als großes Geschenk. Natürlich beeinflussen sich diese verschiedenen Tätigkeiten untereinander. Ich gebe nicht mein »Klarinettist-Sein« an der Garderobe ab, wenn ich als Dirigent vor einem Orchester stehe oder wenn ich komponiere. Die Tatsache, dass ich Bläser bin, beeinflusst zum Beispiel mein Atmen mit dem Orchester. Da kann ich gar nicht anders, für mich ist das etwas Physisches.  

War dieser »Dreiklang« etwas, das Sie bewusst angestrebt haben?

Nein, bei mir geht alles von der Klarinette aus. Ich habe mit sieben Jahren angefangen, zu spielen. Und ich habe beim Üben – oder ehrlich gesagt, anstatt zu üben – oft improvisiert. Am nächsten Tag konnte ich mich nicht mehr an die schönen Stellen erinnern. Das hat mich dann geärgert. Also musste ich eine Möglichkeit finden, es aufzuschreiben – und ich fing an, zu komponieren. Ich dachte dann auch lange Zeit, dass Komponieren das Aufschreiben des Improvisierten ist [lacht]. Auch wenn das in der zeitgenössischen Musik und den komplexen Orchesterpartituren, die ich schreibe, natürlich nicht so einfach ist – ich finde, es ist nach wie vor eine wunderbare Definition.  

Wie kam es dann, dass Sie auch als Dirigent vor einem Orchester standen?

Das Dirigieren kam viele Jahre später hinzu, um 2009. Für mich war das eine sehr logische Entwicklung. Es fühlt sich absolut natürlich an, diese drei Tätigkeiten auszuführen. Und: Hätten wir dieses Gespräch sagen wir bis Mitte des 19. Jahrhunderts geführt, wäre selbstverständlich gewesen, dass ein Komponist Instrumente spielt und seine Werke dirigiert. Mir ist klar, dass sich das heute komplett verändert hat. Aber für mich hat diese Einheit des Musizierens nie aufgehört zu existieren.

Im Konzerthaus Dortmund dirigieren Sie unter anderem Beethovens Sinfonie Nr. 7 sowie die von Ihnen komponierte Konzertouvertüre »Con brio« – eine Hommage an Beethoven. Inwiefern nehmen Sie kompositorisch Bezug auf seine Werke?

Über »Con brio« wird oft gesagt, die Komposition zitiere Beethovens Siebte und Achte. Das ist so nicht wirklich wahr und ein Klischee, das sich hartnäckig hält: Ein paar Sekunden lang kommt der berühmte Rhythmus aus dem ersten Satz der Siebten vor – allerdings zerschlagen und verzerrt. Aus der achten Sinfonie sind es zwei Noten [lächelt]. Es ist also ein kurzer Moment, der aufscheint. Ich habe mich bei »Con brio« lustvoll auf die Rhythmik und die ungewöhnliche Dynamik von Beethoven gestürzt und ihn weitergedacht.

Sie haben mal gesagt, sie wollten Beethoven nicht zitieren, sondern »zerschneiden«...

Handschriftliches Beethoven‑Zitat auf weißem Grund: „Von Herzen möge es wieder zu Herzen gehen.“ Darunter der Name des Komponisten.

Richtig. Und so ist es technisch auch an der Partitur nachzuweisen. Der Anfang ist z. B. symptomatisch. Da beginnt die Pauke, die von Beethoven übrigens emanzipiert wurde, wie von niemand anderem zuvor. Dann kommt der erste F-Dur-Tutti-Akkord und danach folgt ein reiner Luftgeräusch-Klang. Daran sieht man das Experimentierfeld, in dem sich die nächsten zwölf, dreizehn Minuten abspielen. Das hat mich sehr interessiert – nicht sentimental, nostalgisch zurückschauend. Im Gegenteil: Eher im Hinblick darauf, ob – und ich finde: Ja! – diese Modernität heute noch virulent ist.

Sie verstehen Beethovens Werk demnach auch heute noch als modern.

Für mich ist es heutige Musik. Über den letzten Satz von Beethovens Siebter soll sein Zeitgenosse Carl Maria von Weber gesagt haben, jetzt sei er »endgültig reif fürs Irrenhaus«. So muss das damals geklungen haben. Beethoven macht zum Beispiel das, was wir bis heute in unseren Konservatorien mit der Vorgabe lernen: »Macht das nicht!«. Er betont nämlich permanent mutwillig auf unbetonten Zählzeiten. Diese Siebte ist übersät mit Sforzati wie kaum eine andere moderne Partitur. Für mich ist das moderne, heutige Musik. Darum mag ich auch die Kombination von zeitgenössischen Werken und der Musik Beethovens: Wenn sie zum Beispiel mit einem modernen Solostück konfrontiert ist, wird man die Modernität von Beethovens Siebter vielleicht noch einmal anders hören. Deshalb liebe ich solche Programme.

Zwei der modernen Solostücke für Geige wird Ihre Schwester Carolin Widmann spielen. Sie ist die Solistin des Konzertabends in Dortmund. Wie sehr hat Sie die gemeinsame musikalische Leidenschaft geprägt?

Wir sind zusammen aufgewachsen und für uns ist das etwas Wunderbares, wenn wir auch heute gemeinsam musizieren können. Und als Komponist muss ich sagen: Alles, was ich von der Geige weiß, habe ich von meiner Schwester gelernt. Wir haben gemeinsam richtiggehend Techniken weiterentwickelt und neue Klänge gefunden auf der Geige. Klänge, die es vielleicht so noch gar nicht gab, wie man insbesondere in der zweiten und dritten Geigenetüde hören wird, die sie an dem Abend spielt.

Auch zum Orchestre Philharmonique de Radio France, das Sie dirigieren werden, haben Sie eine besondere Bindung…

Das stimmt. Es gibt eine wunderbare Verbindung zwischen diesem französischen Orchester und mir. Wir haben z. B. mein Orchesterstück »Danse macabre« vor einigen Jahren gemeinsam in Paris uraufgeführt. Ich freue mich, jetzt auch in Dortmund zusammen mit diesem Orchester aufzutreten. Im Konzerthaus selbst war ich noch nicht oft, habe das aber in sehr guter Erinnerung. Es ist ein besonderes Konzerthaus und ein ganz besonderes Publikum. Ich kann mich an eine große Aufmerksamkeit, eine Hinwendung erinnern. Diese Stille, dieses Entgegenhören. In Sälen wie in Dortmund gibt es das noch und das genießen wir Musikerinnen und Musiker sehr.  

Text: Corinna Ludwig

    • Do 16.04.2026
    • 19.30 Uhr
    Komponist Jörg Widmann sitzt mit Bleistift vor einem Notenblatt, den Blick seitlich aus dem Bild gerichtet. Im Hintergrund steht ein Klavier.

    Diese Veranstaltung liegt in der Vergangenheit!

    Orchesterkonzert

    Jörg Widmann dirigiert Beethoven & Widmann

    Orchestre Philharmonique de Radio France & Carolin Widmann