Den Tenor-Turbo zünden
Jonathan Tetelman gehört zu den derzeit aufregendsten Tenören. Mit glutvollen Spitzentönen und butterweichem Tenor-Schmelz widmet er sich zwei seiner Lieblingskomponisten: Verdi und Puccini.
Jonathan Tetelman ist die Tenor-Sensation der letzten Jahre. Das Publikum ist hingerissen, die Kritik ist begeistert, und die weltweit größten Opernhäuser reißen sich geradezu um den Sunnyboy mit der sinnlich-vibrierenden Stimme. Was genau diese so aufregend macht, lässt sich auf seinem Debüt-Album mit dem schlichten Titel »Arias« nachhören. Darauf singt er die Arie ›Di quella pira‹ aus Verdis »Il trovatore«. Wobei das genau genommen keine Arie, sondern eine Cabaletta ist, also der fulminant-furiose Abschluss einer Arie – von Verdi mit einem flammenden hohen C gekrönt, das selbst den versiertesten Tenören den Angstschweiß auf die Sängerstirn treiben kann. Nicht so Jonathan Tetelman: Fast unverschämt lang und bombensicher hält er dieses hohe C, das wie ein Lavastrom über den Klang des vollen Orchesters glüht. Tetelman kann aber nicht nur mit baumdicken Tenor-Tönen protzen, sondern auch ganz zart schmeicheln. In der Gesamtaufnahme von Puccinis »Tosca« nimmt er die Stimme in der berühmten Tenorarie ›E lucevan le stelle‹ ganz zärtlich zurück und betört mit einem honigwarmen Timbre. Stellenweise klingt er in dieser Aufnahme ein bisschen so wie der große Pavarotti – nicht der schlechteste Vergleich.

Bis Jonathan Tetelman, der heute mit seiner Familie im Berliner Ortsteil Grunewald lebt, als Tenor durchstarten konnte, hat er jedoch einige Umwege genommen, war DJ in einem Club in Manhattan und absolvierte seinen ersten Solo-Bühnenauftritt noch als Rock-’n’-Roll-Gitarrist. 1988 in Chile geboren, wurde er im Alter von sieben Monaten adoptiert und wuchs in Princeton/New Jersey auf. Ein Musiklehrer entdeckte damals sein Stimmtalent, woraufhin er die American Boychoir School in der Nähe seines Heimatortes besuchte. »Ich war Externer dort, hatte normalen Schulunterricht und dann eben Gehörbildung und all die musikbezogenen Fächer und Proben für die Konzerte, und auf Tournee gab es den Unterricht im Bus«, erinnerte er sich im Interview mit dem BR. »In dieser Zeit habe ich meine Leidenschaft fürs Singen entdeckt.« Besuche in der Metropolitan und City Opera in New York haben dann die Begeisterung für die Oper geweckt: »Die Charaktere auf der Bühne haben mich gefesselt und die Kraft der Sänger zu spüren, die ohne ein Wort zu sprechen 4.000 Menschen im Publikum erreichen. Das war eine magische Erfahrung.«
Später begann er sein eigenes Gesangsstudium an der Manhattan School of Music sowie an der Mannes School of Music in New York, wurde damals aber noch als Bariton eingestuft bzw. als »Tenor mit schlechter Technik«, wie er selbst es einmal mit einem Augenzwinkern formuliert hat. Mit dem Bassbariton Mark Schnaible fand er schließlich einen Lehrer, mit dem er sein volles Tenor-Potenzial ausschöpfen lernte. Im Laufe dieses intensiven, mehrjährigen Prozesses hörte er sich immer wieder Aufnahmen der besten Tenöre an, um den Geheimnissen ihrer Gesangstechnik auf die Schliche zu kommen. Die Namen, die er als Vorbilder nennt, verraten dabei viel über seine eigene Stimme. Unter den modernen Tenören ist Jonas Kaufmann ein Ausnahmesänger für ihn, als »mein Idol« bezeichnet er ihn und bewundert vor allem seine baritonale Farbe, die als dunkle Grundierung auch in seiner eigenen Stimme zu hören ist. Auch der große Caruso fällt in diese Kategorie, der erste Tenor, der seine Rollen mit mehr Unterleib gesungen hat und den Tenorgesang damit gewissermaßen erotisierte. Oder der Chilene Ramón Vinay, der seine Karriere ebenfalls als Bariton begann, dann mit seiner urgewaltigen Stimme zu einem beeindruckenden Heldentenor wurde. Und wenn er Giuseppe di Stefano als weiteres Vorbild aufzählt, verrät auch das viel über sein eigenes Sänger-Temperament. Denn kaum ein Tenor hat so viel Leidenschaft verströmt wie der Italiener, zum Beispiel in der berühmt gewordenen »Tosca«-Aufnahme an der Seite von Maria Callas.

Die langwierige Arbeit an der Stimme hat sich jedenfalls gelohnt, denn heute ist Jonathan Tetelman selbst einer der besten Lirico-spinto-Tenöre. Das ist die italienische Version des jugendlichen Heldentenors, oder anders gesagt: eine Stimme von lyrischer Grundqualität, die aber auch die Kraft hat für dramatische Ausbrüche. »Meine Stimme ist nicht riesig« sagt er selbst, »aber ich habe eine Art Turbo, den ich zuschalten kann, wenn es wirklich nötig ist« . Den zündet er besonders gerne in Werken von Verdi und Puccini, die zu seinen bevorzugten Komponisten zählen. Gerade nach Puccinis Musik, diesem »Land der Tränen und Schmerzen«, sei er absolut süchtig. Wenig überraschend also, dass er sich für sein Debüt an der Metropolitan Opera in New York im März 2024 Puccinis »La rondine« ausgesucht hat. Wenig später kehrte er an das legendäre Opernhaus zurück, erneut mit Puccini: als Pinkerton in »Madama Butterfly« mit Asmik Grigorian in der Titelpartie. Wenn der litauische Sopranstar im Sommer bei den »Salzburger Festspielen« als Carmen debütiert, ist Jonathan Tetelman der Don José an seiner Seite.
Schon ein paar Jahre zuvor war es Verdi, der ihn zum unerwartet frühen Debüt am Royal Opera House Covent Garden in London führte: Dort sprang Jonathan Tetelman ganz kurzfristig für einen erkrankten Kollegen ein, als Alfredo in »La traviata«. Anfang des Jahres erobert er sich nun mit seinem Debüt in Gounods Oper »Faust« zunächst etwas Repertoire-Neuland, bevor er für die Operngala in Dortmund zu seinen beiden Repertoire-Säulen Verdi und Puccini zurückkehrt – mit Hits wie ›E lucevan le stelle‹ und weniger bekannten Werken. Eine gute Gelegenheit also, einen der aktuell besten Tenöre in seinem absoluten Wohlfühl-Repertoire zu erleben.
Text: Bjørn Woll
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- So 10.05.2026
- 18.00 Uhr
Diese Veranstaltung liegt in der Vergangenheit!
Lieder- / Arienabend
Operngala Jonathan Tetelman
Arien und Duette von Verdi und Puccini
- Mitwirkende
- Mitwirkende
- Nordwestdeutsche Philharmonie
- Constantine Orbelian Dirigent
- Jonathan Tetelman Tenor
- Önay Köse Bariton
- Programm
- Programm
- Giuseppe Verdi Ouvertüre zu »Nabucco«
- Giuseppe Verdi ›Dal più remoto esilio‹ Arie des Francesco Foscari aus »I due Foscari« Tragedia lirica in tre atti
- Giuseppe Verdi ›Di Provenza il mar, il suol‹ Arie des Giorgio Germont aus »La traviata« Oper in drei Akten
- Giuseppe Verdi Vorspiel zum 3. Akt aus »Rigoletto«
- Giuseppe Verdi ›La donna è mobile‹ Kanzone des Herzogs von Mantua aus »Rigoletto«
- Giuseppe Verdi Sinfonia aus »Luisa Miller« Melodramma tragico in drei Akten
- Giuseppe Verdi ›E lui desso! L’infante‹ Duett des Rodrigo und des Don Carlo aus »Don Carlo« Oper in vier Akten
- – Pause –
- Giacomo Puccini ›In un coupé? – Oh Mimì, tu più non torni‹ Duett des Marcello und des Rodolfo aus »La bohème« Szenen aus »La vie de bohème« in vier Bildern
- Giacomo Puccini Intermezzo sinfonico aus »Madama Butterfly«
- Giacomo Puccini ›Non ve l’avevo detto?‹ Duett des Sharpless und des Pinkerton aus »Madama Butterfly«
- Giacomo Puccini ›Addio, fiorito asil‹ Arie des Benjamin Pinkerton aus »Madama Butterfly«
- Giacomo Puccini Intermezzo Sinfonico zum 3. Akt aus »Manon Lescaut« Dramma lirico in vier Akten
- Giacomo Puccini ›Recondita armonia‹ Romanze des Cavaradossi aus »Tosca« Oper in drei Akten
- Giacomo Puccini ›Mario Cavaradossi? A voi…‹ Duett des Mario Cavaradossi und des Carceriere aus »Tosca« Oper in drei Akten
- Giacomo Puccini ›E lucevan le stelle‹ Arie des Cavaradossi aus »Tosca« Oper in drei Akten
- Georges Bizet ›Au fond du temple saint‹ Duett des Nadir und des Zurga aus »Les pêcheurs de perles« (»Die Perlenfischer«) Oper in drei Akten (Zugabe)
- Frederick Loewe ›On the street where you live‹ aus »My fair lady« (Zugabe)
- Giacomo Puccini ›Nessun dorma‹ Arie des Kalaf aus »Turandot« Lyrisches Drama in drei Akten (Zugabe)
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