Filmszene aus „Das Cabinet des Dr. Caligari“: Eine stilisierte, expressionistische Kulisse mit schrägen Formen, in der eine Figur eine bewusstlose Person trägt.
Das Cabinet des Dr. Caligari © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftun

Ein Film wie Treibsand

»Kraftwerk«-Legende Karl Bartos hat den Stummfilmklassiker »Das Cabinet des Dr. Caligari« neu vertont und macht daraus ein innovatives Live-Erlebnis.  

Irgendwann beginnt Karl Bartos damit, durch sein Haus zu laufen. Er klopft auf Türen, betätigt Klinken, geht auf den Dachboden und hinunter in den Keller, lauscht den eigenen Schritten hinterher. Bartos nimmt Geräusche auf für einen Soundtrack. Er ist für einen der berühmtesten Stummfilme gedacht, die je entstanden sind: »Das Cabinet des Dr. Caligari«. In nur wenigen Monaten Ende des Jahres 1919 in Berlin gedreht, gilt dieser Horrorstreifen heute als das Meisterwerk des expressionistischen Films. Was klingt nach knarrendem Sargdeckel, was nach dem Schmatzen von Brei? Karl Bartos sucht – und findet. Er hat diesem Stummfilm seine Geräusche wiedergegeben und damit im Grunde ein Tabu gebrochen, denn bislang hat noch niemand so etwas gemacht. Die dämonische Geschichte um den Chef eines Irrenhauses, der auf Jahrmärkten als wahnsinniger Dr. Caligari auftritt, rückt uns damit noch näher. Caligari führt dort den Schlafwandler Cesare vor, der den Zuschauern die Zukunft vorhersagen kann. Nachts schleicht er jedoch durch die Stadt und mordet. »Das Cabinet des Dr. Caligari« hat eine bizarre Optik. Die Kulissen sind gemalt, Fenster, Türen und Häuser stehen schief und verzerrt. Regisseur Robert Wiene hat Schatten und Licht virtuos in Szene gesetzt, und die Darsteller Werner Krauß, Conrad Veidt und Lil Dagover haben sich hier mit ihrer Leistung ein eigenes Denkmal gesetzt.

Kein Wunder, dass sich die »Kraftwerk«-Legende Karl Bartos das »Cabinet des Dr. Caligari« vorgenommen hat. Der expressionistische Film an sich interessiert ihn bereits, als er noch an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf ausgebildet wird, als Pianist, Schlagzeuger und Vibrafonist. »Damals hatte ich meine ersten LSD-Trips hinter mir. Und ich hatte die Bücher von Kafka schon gelesen.« Von seinem Dozenten wird er an die »Kraftwerk«-Gründer Ralf Hütter und Florian Schneider weiterempfohlen, sie suchen einen Schlagzeuger zur Unterstützung für ihre »Autobahn«-Tournee. So profan beginnt Bartos’ Weltkarriere. Von 1975 bis 1991 bleibt er Schlagzeuger und Keyboarder bei »Kraftwerk« und prägt vor allem durch seine Rhythmen viele Hits der Band.  

Publikum in einem Konzertsaal, das eine große Leinwand mit einer Szene aus „Das Cabinet des Dr. Caligari“ sieht; auf der Bühne steht Karl Bartos mit Technikpult vor der Projektion.
Karl Bartos © Patrick Beerhorst

Bartos hat für den Film einen kaleidoskopartigen Klangkosmos erschaffen, in den mehrere Dinge eingeflossen sind. Zunächst sind da die Sounds, die er auf der Pirsch durch sein Haus gesammelt hat. Das stumme Sprechen der Filmfiguren unterlegt er mit unverständlichem Gebrabbel, das an den Nonsens-Dichter Ernst Jandl erinnert: »Bei mir ist die Sprache so abstrakt wie die Musik. Sie ergibt keinen Sinn.« Dazu kommen noch die Klänge, die Bartos auf dem Podium steuert, an den Computern und Keyboards, sekundiert von seinem Toningenieur Mathias Black. Vielleicht müsste er das nicht tun, denn die Tonspur ist durchkomponiert und läuft allein schon wegen der zahlreichen Geräusche bombenfest synchron zum Filmgeschehen. Vertrauen ist zwar gut, Kontrolle aber besser. Und die »Kraftwerk«-Fans können damit eines ihrer Idole live erleben. Die Musik schließlich klingt wie Carl Orff, gekreuzt mit Bernard Hermanns »Psycho«-Partitur und dem berühmten »Kraftwerk«-Klang, minimalistisch und mit rhythmischem Drive. Seine Komposition hat Bartos erst für Sinfonieorchester geschrieben und dann elektroakustisch verfremdet. »Wir haben die Instrumente nachempfunden – zunächst kopiert, aber dann interpretiert. Wir haben das ›gebastelt‹, sagen wir immer.«

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  • Filmlänge
  • 2:06 Minuten

»Das Cabinet des Dr. Caligari« ist 2012 bis 2014 im Auftrag der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung mit Akribie und Liebe restauriert worden, in hervorragender 4K-Qualität, also in Ultra-HD. Diese Version ist auch im Konzerthaus Dortmund zu sehen. Zuvor hat es schon mehrere Vertonungen und Schnittversionen des Horror-Klassikers gegeben. Eine erste Wiederherstellung stammt aus dem Jahr 1980 (ZDF), damals mit der Musik von Peter Michael Hamel. Und 2021 begleitete das Bundesjugendjazzorchester »Caligari« zur Partitur des Amerikaners Jeff Beal. Der »Caligari« von Karl Bartos hat am 17. Februar 2024 in der Alten Oper in Frankfurt Premiere gefeiert. Seitdem gibt es nur begeisterte Rezensionen, hier sei ein »akustischer Maßanzug für ein Filmjuwel« entstanden, heißt es. Die »Frankfurter Allgemeine« titelt: »Ein Film wie für die Gegenwart«. Doch wie kommt es, dass er auf uns heute so bedrohlich aktuell wirkt? Es hat nicht nur mit der Musik zu tun, die Zeit, Raum und Musikstile verbindet, die Brücken schlägt zwischen Gestern und Heute. In dem alptraumhaften Geschehen ist eine Gesellschaft aus den Fugen geraten. Die Realität verschwindet, ebenso der gesunde Menschenverstand. Die Parallelen sind leicht zu ziehen zu unseren digitalen Universen und zu einer Welt, in der niemand weiß, was Wahrheit oder Fake ist. Es gibt also unendlich viel zu diskutieren, was »Das Cabinet des Dr. Caligari« betrifft. Oder wie Karl Bartos es ausdrückt: »Dieser Film ist wie Treibsand. Wenn man einmal drinsteckt, kommt man nicht wieder raus.«  

Text: Markus Bruderreck

    • Sa 14.03.2026
    • 20.00 Uhr
    Live-Aufnahme aus einer Aufführung des Stummfilms mit Karl Bartos am Keyboard vor der Leinwand

    Chanson & Unterhaltung

    Karl Bartos: Das Cabinet des Dr. Caligari – Stummfilmkonzert

    Der Stummfilmklassiker neu vertont von Kraftwerk-Legende Karl Bartos