Lera Auerbach ist nicht nur eine weithin anerkannte Komponistin, Dirigentin und Pianistin. Auch als preisgekrönte Dichterin und bildende Künstlerin hat sie sich einen Namen gemacht. Mit ihr widmet das Konzerthaus Dortmund das Zeitinsel-Festival der Saison 2026/27 einer der gefragtesten und spannendsten kreativen Stimmen.
Sie ist eine echte Multibegabung. In Lera Auerbach muss es beständig summen vor Inspiration, die sie in außergewöhnlich vielen Bereichen ausdrückt. Das Klavier war nur das erste dieser Ventile: Lera Auerbach wurde 1973 im russischen Tscheljabinsk geboren, ist seit frühester Kindheit eine virtuose Pianistin und komponierte ihre erste Oper im Alter von nur zwölf Jahren. Parallel begann ihr Weg in die Welt der Kunst als Lyrikerin, mit mehreren Veröffentlichungen noch vor ihrem 18. Lebensjahr.

Auf einer Konzerttournee durch die USA entschied sich die 17‑Jährige spontan – ohne Sicherheitsnetz und ohne Englischkenntnisse – dort zu bleiben, während die Sowjetunion vor ihrem historischen Zusammenbruch stand. Sie ergriff ihre Freiheit und begann ein neues Leben, studierte Klavier und Komposition an der Juilliard School und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University. Noch im Jahr ihres Abschlusses debütierte sie als Komponistin in der Carnegie Hall, als Gidon Kremer und die Kremerata Baltica ihre Suite für Violine, Klavier und Orchester aufführten. Viele Werke dieser Dichterin der Worte und Musik sind außermusikalisch inspiriert. Ihre kaleidoskopartige Musiksprache knüpft zuweilen an Schostakowitsch an, ist experimentell, farbenreich und von großer Emotionalität. Und alle ihre Werke sind als Teil einer umfassenden künstlerischen Weltanschauung miteinander verbunden, beschäftigen sich immer wieder mit zeitgenössischen Ereignissen und sozialen Themen unserer Zeit. Auerbach wird inzwischen außerdem als bildende Künstlerin ausgestellt und steht immer häufiger am Dirigentenpult. So bereichert sie ihre künstlerische Ausdrucksmöglichkeit ein weiteres Mal und kann ihre Vision auf den Bühnen weltweit verwirklichen.
»Es gibt keinen Grund, etwas in seinem Käfig zu belassen und nicht zu verknüpfen. Für mich muss man in seiner Kunst das Gefühl haben, dass sie größer ist als das Leben. Kunst, sei es Musik, bildende Kunst oder Literatur, ist das, was von unserer Zeit übrigbleibt.« Lera Auerbach
In enger Zusammenarbeit mit Lera Auerbach hat das Konzerthaus ein Zeitinsel‑Festival geplant, das neben ihren Hauptwerken, Kammermusik und Einblicken in ihre Kunst auch neue, für das Konzerthaus eigens konzipierte Projekte umfasst. Der Auftakt am 5. November bringt direkt eine Uraufführung: Das Ariel Quartet, mit dem die Komponistin eine lange Zusammenarbeit und viel gemeinsame Konzerterfahrung verbindet, hebt das vom Konzerthaus Dortmund beauftragte 11. Streichquartett aus der Taufe. Auch eines von Auerbachs Kernwerken, die Sinfonie »ARCTICA«, erfährt eine Neuerung: Die Komponistin arbeitet das Werk nach Begegnungen mit Ältesten verschiedener indigener Gemeinschaften der Arktis um und ergänzt Texte in den Sprachen der Region. »Es schöpft aus arktischen Mythen, ihrer Sprache und elementaren Kräften. Es lauscht dem Norden nicht als Territorium, sondern als Orakel«, erklärt sie. Diese »ARCTICA« befasst sich natürlich mit der unfassbaren Schönheit der Arktis, ihren Klängen wie dem traditionellen Kehlkopfgesang, aber auch mit der Frage, wie die Arktis sich in Zeiten des Klimawandels verändert. Wichtiges Element der Aufführung ist neben Bildern, die in Kooperation mit »National Geographic« gezeigt werden, die Mitwirkung von Inuit an der Sinfonie und am vertiefenden Gespräch im Salon mit Raphael von Hoensbroech. Dazu macht ein reiches Instrumentarium die Welt der Arktis hörbar, darunter eine Schamanentrommel, Whistles, Eisblöcke und ein Theremin, das Töne ohne Berührung praktisch aus der Luft erzeugt und dem das Publikum auch in einem Workshop näherkommen kann.
Zum Abschluss des Festivals erklingt Auerbachs monumentales Werk »72 Angels« durch Chorwerk Ruhr und das Raschèr Saxophone Quartet. Wo »ARCTICA« sich der realen Welt und der Verletzlichkeit des globalen Ökosystems zuwendet, richtet »72 Angels« den Blick in den Himmel. Auerbach entwirft ein überkonfessionelles Klanggebäude, das 72 Engelsnamen in Musik umsetzt und die Tradition verschiedener Kulturen – ob abrahamitische Religion, hinduistische Devas oder zoroastrische Yazatas – durch das Motiv der Engel miteinander verbindet. Mit dem Schluss-Epilog, einer leisen Meditation, die auf Obertönen basiert, endet die Zeitinsel. Sie kann etwas in uns anstoßen, Fragen an unsere Zeit stellen in Bezug auf den Menschen und sein Verhältnis zu Natur, Technologie und Macht – damit, wie Lera Auerbach es ausdrückt, »etwas übrigbleibt«.
Text: Marion Daldrup
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- Mitwirkende
- Mitwirkende
- Ariel Quartet
- Alexandra Kazovsky Violine
- Gershon Gerchikov Violine
- Jan Grüning Viola
- Amit Even-Tov Violoncello
- Programm
- Programm
- Lera Auerbach Streichquartett Nr. 3 »Cetera desunt« (Sonett für zwei Violinen, Viola und Violoncello)
- Lera Auerbach Neues Werk, Auftragswerk des Konzerthaus Dortmund (Uraufführung)
- Johannes Brahms Streichquartett c-moll op. 51 Nr. 1
- Mitwirkende
- Mitwirkende
- MDR-Sinfonieorchester
- MDR-Rundfunkchor
- Lera Auerbach Leitung
- Hans-Henrik Suersaq Poulsen traditionelle Stimme, Trommel (Kalaallit Nunaat / Grönland)
- Awadagin Pratt Klavier
- Thorwald Jørgensen Theremin
- Programm
- Programm
- Veljo Tormis »Curse upon iron« für Chor, Tenor, Bariton und Schamanentrommel
- Alexander Mosolov ›Iron foundry‹ aus »Steel« op. 19
- Charles Ives »The unanswered question« für Orchester
- Traditionell (Kalaallit Nunaat / Grönland) »Qilaatersorneq (ajaajaa)« (Trommelgesang und Erzähltradition)
- Lera Auerbach Sinfonie Nr. 4 »ARCTICA«
- Mitwirkende
- Mitwirkende
- Narek Hakhnazaryan Violoncello
- Lera Auerbach Klavier
- Programm
- Programm
- Lera Auerbach 24 Preludes für Violoncello und Klavier op. 47
- Mitwirkende
- Mitwirkende
- Lera Auerbach Komponistin
- Raphael von Hoensbroech Gastgeber
- Mitwirkende
- Mitwirkende
- Raschèr Saxophone Quartet
- Christine Rall Sopransaxofon
- Morgan Webster Altsaxofon
- Andreas van Zoelen Tenorsaxofon
- Oscar Trompenaars Baritonsaxofon
- Chorwerk Ruhr
- Philipp Ahmann Dirigent
- Programm
- Programm
- Lera Auerbach »72 Angels« für Chor und Saxofonquartett
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