Person sitzt in einem farbintensiven, rot-gelben Lichteffekt vor einer dunklen Wand, Hände gefaltet, helle Schuhe deutlich sichtbar.
Yannick Nézet-Séguin © George Etheredge

Aus Mimes Schmiede

Dirigent Yannick Nézet-Séguin lässt in jedem Werk ein Feuer lodern. Auch für den konzertanten »Siegfried«, Wagners Verschmelzung von Liebe, Dramatik und Emotion, findet er die richtige Temperatur.

»Ich denke oft darüber nach, was Wagner so anders macht. Vielleicht ist es die chromatische Schreibweise, die Noten liegen alle ganz nah beieinander.«

Yannick Nézet-Séguin sinniert darüber, wie Richard Wagner sein Publikum immer wieder hypnotisiert, mit diesem Amalgam von Liebe, Dramatik und Emotion, das uns packt und das so mitreißend ist. Selbst, wenn äußerlich wenig auf der Bühne geschieht – und das ist ja manchmal so bei Wagner-Opern – passiert musikalisch sehr viel. »Ich erinnere das Orchester dann immer wieder gerne daran, dass wir hier eigentlich ausdrücken, was unterhalb der Oberfläche schlummert«.

In ein neues Wagner-Abenteuer stürzt uns Yannick Nézet-Séguin jetzt mit der Fortsetzung seines Dortmunder »Ring des Nibelungen«, Wagners monumentaler Tetralogie. »Wir hauchen diesem Drama nur durch die Musik selbst Leben ein, nicht durch die Regie. Und das ist, glaube ich, das Beste.« Im Jahr 2022 hat Nézet-Séguin den Konzerthaus-»Ring« mit dem »Rheingold« begonnen. 2024 folgt die »Walküre«. Jetzt also geht mit dem »Siegfried« am 24. April 2026 die Fortsetzung übers Konzerthaus-Podium. Die Besetzung hat der Dirigent handverlesen aus dem Ensemble der Metropolitan Opera in New York, dessen Musikdirektor er seit 2018 ist.

»Siegfried« ist, kurz gesagt, die Geschichte von einem, der furchtlos in die Welt hinauszieht und am Ende die Liebe findet – in Gestalt von Brünnhilde, die er auf ihrem Felsen wachküsst. »Siegfried« ist aber auch eine Oper der Naturklänge, vom Gesang des Waldvogels bis zum berühmten ›Waldweben‹. Wagner hat seine Motive und Themen auch in seinem »Siegfried-Idyll« verarbeitet, ein Orchesterwerk, das er Gattin Cosima zum Geschenk macht. Für dieses Stück hegt Yannick Nézét-Seguin eine besondere Vorliebe. »Manchmal vergessen wir, wie ungewöhnlich und revolutionär das alles war«, sagt er.

Dem Konzerthaus Dortmund ist Nézet-Séguin schon seit langem verbunden. Zwischen 2013 und 2016 ist er hier Exklusivkünstler gewesen. Als Chefdirigent des Rotterdam Philharmonic Orchestra hat er 2019 den Taktstock zwar abgegeben, ist aber Ehrendirigent. Ehrensache also auch, dass er mit diesem Orchester den »Ring« in Dortmund weiterschmiedet. »Dortmund und das Rotterdam Philharmonic, das sind besondere Freunde«, sagt der Kanadier, dem auch ein großes Kommunikationstalent zu eigen ist. Über seine Kolleginnen und Kollegen im Orchester ist er voll des Lobes. »Ja, das sind schon fantastische Musiker. Beim Rotterdam Philharmonic fühlt jeder das Feuer. Ein gutes Orchester kann tun, was man ihm sagt; ein hervorragendes wie das RPO kann aber Töne tatsächlich in eine musikalische Botschaft verwandeln.«

Schon vor 15 Jahren hat sich in Nézet-Séguins Terminkalender kaum eine freie Stelle gefunden. Heute ist das immer noch so. Mittlerweile ist er fünfzig und hat eine Karriere hinter sich, die ebenso stetig wie konsequent verlaufen ist. Mit »seinem« kanadischen Orchestre Métropolitain de Montréal hat Yannick Nézet-Séguin einen Vertrag auf Lebenszeit abgeschlossen. »Ich bin Musikdirektor des Orchesters geworden, als ich gerade mal 24 war. An der Oper war ich auch für den Chor zuständig. Ich hatte viel traditionelles Training.« Von Kanada ausgehend, ist seine Karriere immer internationaler geworden. 2008 hat er dann Valery Gergiev am Pult des Rotterdam Philharmonic Orchestra abgelöst. Für permanente Jet-Lags sorgen nicht nur seine stabilen Verbindungen dorthin und nach Kanada. Im Jahr 2012 hat er zudem den damals recht undankbar erscheinenden Job angenommen, das Philadelphia Orchestra als neuer »Chef« aus der tiefsten Krise seiner Geschichte zu führen. Das ist ihm so glänzend gelungen, dass sein Vertrag bis 2030 verlängert worden ist. Zu seinen schwindelerregend zahlreichen Verpflichtungen zählen natürlich auch solche Projekte wie der Dortmunder »Ring«-Zyklus. »Ja, ja, mein Terminplan«, lacht Nézet-Séguin, wenn man ihn auf sein Leben zwischen Montreal, Philadelphia, Rotterdam und New York anspricht.

Was ist das Geheimnis seines Erfolgs? Zum einen ist es die Art und Weise, wie er das Dirigieren versteht. Seine Erfahrungen als Chorsänger und -leiter haben es wesentlich beeinflusst. »Jedes Instrument will singen, die menschliche Stimme imitieren. Natürlich ist die eine Musik lyrischer, die andere mehr rhythmisch geprägt. Aber immer geht es um die Gesangslinie.« Zudem ist es die schiere Freude am Musizieren. Ein schönes Beispiel dafür ist das Wiener Neujahrskonzert 2026. Jeden und jede weltweit, im Publikum und auf dem Podium, hat der Dirigent dort mit seiner Begeisterung angesteckt. Auch bei seinem »Siegfried« dürfen wir wieder viel erwarten: ein Dirigat mit Feuer und Wärme, so lodernd wie die Funken aus Mimes Schmiede.

Text: Markus Bruderreck

    • Fr 24.04.2026
    • 18.00 Uhr
    Yannick Nézet-Séguin hockt in T-Shirt und weißen Sneakern auf bunt gemusterten Treppenstufen.

    Diese Veranstaltung liegt in der Vergangenheit!

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