Sol Gabetta prägt mit ihrer künstlerischen Handschrift ein Festival, das Virtuosität, Neugier und musikalische Entdeckungsfreude vereint.
»Die Schwierigkeit ist, die Stimmung in so kurzer Zeit zu wechseln.« Sol Gabetta spielt dem Cellisten auf der Bühne vor, wie der konzentrierte Beginn der Sonate von Debussy noch klangvoller wird. »Hör zu und analysiere dich«, antwortet sie, wenn sie gefragt wird, was die Essenz eines Meisterkurses ist. Mit dem Cello-Nachwuchs zu arbeiten, fasziniert sie. »Meiner Meinung nach haben junge Musiker etwas Unbedarftes an sich. Sie kennen ihre Probleme und Hindernisse noch nicht.« Sol Gabetta beim Unterrichten zu beobachten, ist ebenso lehrreich wie spannend. Im Rahmen der öffentlichen Masterclass, die sie im Dortmunder Konzerthaus gibt, können Musikfans das jetzt tun – und vielleicht dabei auch ein wenig dem Geheimnis ihrer fulminanten Persönlichkeit auf die Spur kommen. Als Curating Artist des Konzerthauses hat sie ihr eigenes Festival entworfen, sechs Konzerte innerhalb einer Woche und ein siebtes im April.
Gleich zu Beginn von »Sol Gabetta & Friends« diskutiert Konzerthaus-Intendant Raphael von Hoensbroech mit ihr, nicht nur über ihr ruheloses Leben, sondern natürlich auch über das Festival selbst. Sol Gabetta hat dazu nur Freundinnen und Freunde eingeladen, denn in letzter Zeit achtet sie noch mehr darauf, mit wem sie musiziert. »Ich glaube, die musikalischen Affinitäten zu anderen Musikerinnen und Musikern, mit denen ich spiele, sind mir heute wichtiger als noch ein Konzert zu geben und noch eins«, sagt sie. Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja zum Beispiel ist wie eine Zwillingsschwester für sie. »Wir sind uns das erste Mal während einer Art Hauskonzert begegnet. Und sofort hatten wir einen ganz besonderen Draht zueinander.« Bei ihrem Duoabend am 27. Februar steht viel Zeitgenössisches auf dem Programm. Auch von einer gewissen »PatKop«. Hinter dem Kürzel verbirgt sich natürlich niemand anderes als Patricia Kopatchinskaja selbst.
Aufeinander hören: Das klappt immer besser, wenn es ein Freund ist, mit dem man musiziert. So jemand ist auch der Dirigent Jaap van Zweden. »Gut, dass er selbst Geiger ist«, meint Sol Gabetta, »er hat mehr Verständnis für Atmung und Bogenstrich. Er ist ja auch selbst ein phänomenaler Geiger gewesen.« Mit ihm musiziert sie am 28. Februar ein Werk, das van Zweden als »wirklich tricky« bezeichnet. Das Cellokonzert von Édouard Lalo gehört zu den eher ungeliebten Kindern innerhalb des Cellokonzert-Repertoires. »Das Cello ist hier der große Belcanto-Sänger, der auch seine kapriziösen Momente hat. Das fordert vom Orchester extreme Flexibilität.« Das Konzert von Edward Elgar dagegen, das am 23. April auf dem Programm steht, ist von ganz anderer Natur. »Es ist ein Werk, das Solistinnen und Solisten sehr viel interpretatorischen Spielraum gibt – um singen zu können, um weinen zu können.«
Sol Gabetta hat von jeher den unbedingten Willen zu musizieren. Ihren sonnigen Namen »Sol« erhält sie von ihrer Mutter, weil sie ihrer von persönlichem Leid heimgesuchten Familie wieder die Sonne zurückgebracht hat. Sie wächst im Herzen Argentiniens auf, die Familie zieht aber später nach Madrid, wo auch ihre Ausbildung und ihre Karriere beginnen. Man kennt Sol Gabetta, die an der Musikakademie Basel unterrichtet, auch als Moderatorin des BR-Medienmagazins »KlickKlack«, das sie zwischen 2010 und 2023 immer wieder moderiert hat. Daneben ist sie auch Leiterin ihres »Solsberg Festivals« in der Schweiz. Dort in die Stiftskirche lädt sie immer wieder junge Klassikstars ein, denen sie jetzt auch im Dortmunder Konzerthaus einen roten Teppich ausrollen möchte. Im Kammermusikabend am 1. März 2026 wirkt sie selbst mit, etwa in Sergej Rachmaninows »Trio Élégiaque«.

Im Recital mit ihrem guten Freund Bertrand Chamayou (3. März) verbindet sie dann Zeitgenössisches mit Romantischem. Chamayou und Gabetta sind ein charmantes Duo, das wunderbar harmoniert, aber stilistisch zugleich sehr unterschiedlich ist. So mangelt es hier nie an fruchtbaren Kompromissen. »Vor allem sind wir erst einmal Freunde«, meint Sol Gabetta, die sich im Verlauf des Abends zurückziehen wird, um Chamayou die Bühne für einen Soloabend zu überlassen.
Sol Gabetta ist in jedem Stil zu Hause, natürlich auch in der Frühklassik und im Barock. Mit ihrem Bruder Andrés hat sie das Barockorchester Cappella Gabetta gegründet. »Ich wollte davon profitieren, mit Musikerinnen und Musikern zu spielen, die mehr Erfahrung mit historischem Klang haben als ich. Das öffnet deinen Geist und deinen Sound.« Am 5. März 2026 wird dann das Gabetta Consort – eine Variante der Cappella – das Wagnis eingehen, venezianische Barockmusik und Tango Argentino miteinander zu verschmelzen. Vivaldis »Vier Jahreszeiten» treffen auf Piazzollas »Vier Jahreszeiten in Buenos Aires«, die Violine vereint sich mit dem Bandoneon. Dabei erlebt man erstaunt, wie aufregend so unterschiedliche Instrumente und Musikstile miteinander reagieren.
In ihrem jüngsten musikalischen Projekt hat Sol Gabetta die musikalische Welt einer bewundernswerten Künstlerin der Romantik erkundet. Lise Cristiani hat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelebt und ist nur 27 Jahre alt geworden. »Sie ist eine faszinierende Gestalt, geheimnisvoll und von Rätseln umhüllt. Informationen über sie zu finden, war wie das Aufspüren eines verborgenen Juwels.« Lise Cristiani ist die erste Frau, die mit dem damals für Damen als unschicklich geltenden Cello öffentlich auftritt. »Sie reiste damit bei minus 40 Grad in Kutschen quer durch Europa, bis ans andere Ende der Welt. Sie war eine der ersten wirklich emanzipierten Musikerinnen.« Möglich, dass sich Sol Gabetta in dieser Frau auch ein wenig selbst wiedererkennt. »Was das Schwierigste ist in unserem Leben: nie zu Hause sein zu können. Je älter ich werde, desto mehr schätze ich es, Zeit zu haben – auch für mich selbst.« Dennoch ist sie rundum zufrieden. »Es ist ein großes Glück für mich, so leben zu können. Und ein Publikum zu haben, das an mich glaubt.«
Text: Markus Bruderreck