Für das ZDF-Format »Terra Xplore« spricht Franz Bilzer über Musik, Alter und Lebensmut
Die Musik gehörte immer zum Leben von Franz Bilzer. Und es ist ein langes Leben, auf das der Dortmunder zurückblicken kann: Der frühere Solo-Trompeter ist 102 Jahre alt. Und obwohl seine Zeit als Orchestermusiker schon lange zurückliegt, stand Franz Bilzer nun doch wieder auf einer Bühne – im Konzertsaal des Konzerthaus Dortmund. Nicht etwa, um vor Live-Publikum zu spielen. Er spielte vor Fernsehkameras. Denn für das ZDF-Wissensformat »Terra Xplore« hat Franz Bilzer mit Psychologe Leon Windscheid, Moderator der Reportagedoku, über das Altwerden gesprochen – und darüber, welche Rolle die Musik für ihn dabei gespielt hat.
Nach Jahrzehnten sitzt Franz Bilzer nun wieder auf einer Bühne in einem Konzertsaal. In der Hand hält er seine Trompete. Um ihn herum steht das Team mit Kameras und Ton, vor ihm reihen sich die Sitze aneinander. Dort hat er seit der Eröffnung des Hauses im Jahr 2002 immer wieder auch selbst als Zuhörer Platz genommen. »Wegen der tollen Akustik«, wie er sagt. Doch jetzt stehen er und sein Instrument wieder im Mittelpunkt: Franz Bilzer spielt, die Melodie von »Behüt dich Gott« aus Victor Nesslers Oper »Der Trompeter von Säckingen« klingt laut durch den leeren Saal, die Töne füllen den Raum. Das Filmteam ist zufrieden.
Franz Bilzer sieht das anders: »Gestern klang es besser«, sagt der 102-Jährige, der Solo-Trompeter des Staatstheaters Braunschweig war. Selbst lange nach seiner Zeit als Musiker ist er selbstkritisch. »Ich war immer sehr perfektionistisch«, gibt er zu. Jeden Tag habe er mindestens vier Stunden geübt. Üben müssen. »Ich musste mir das erkämpfen«, sagt Franz Bilzer rückblickend und meint damit sein Können an der Trompete, seinen Platz im Orchester. Später war Franz Bilzer als Postbeamter erster Trompeter in der Postkapelle und blies als Postillon in Dortmund das traditionelle Posthorn.

Sein Leben mit der Musik begann in seiner Kindheit: Mit zwölf Jahren lernte er Geige, Klavier und Trompete, im Alter von 15 ging er auf das Musikinternat Mollwitz. »Musik hat mich schon immer fasziniert, dafür konnte ich mich richtig begeistern«, erklärt er, »und die Trompete hat mir einfach besonders gelegen.« Das Signalinstrument wird sein Lebensbegleiter – und im Krieg auch sein Lebensretter.

1942 wurde Franz Bilzer eingezogen. Der damals 18-Jährige kam nach der Grundausbildung zum Musikkorps, spielte als Erster Trompeter an verschiedenen Truppenstandorten, später war er Flugfunker. Nach Ende des Krieges geriet er in russische Gefangenschaft und schließlich in ein Lager in Sibirien. »Dort wurde eine Kapelle gebildet«, blickt Franz Bilzer zurück. Er war einer der Musiker. Diese Position brachte ihm im Gefangenenlager das ein oder andere zusätzliche Essen in einer Zeit, in der er »viele böse Sachen erlebt hat«, wie er es beschreibt. Es war die Musik, die ihm Kraft gegeben und geholfen hat, auf andere Gedanken zu kommen. »Die Musik, die hat mein Leben gerettet«, sagt er heute.
Ein Satz, der auch im Gespräch mit Leon Windscheid fällt, der zwischendurch ebenfalls versucht, dem Instrument den einen oder anderen Ton zu entlocken. Mit dem Psychologen, Bestsellerautor und Podcaster spricht er auch darüber, wie das Musizieren ihn bis heute fit hält. Regelmäßig holt er noch seine Trompete aus ihrem Koffer und übt Tonfolgen. In seinem Appartement greift er dafür oft zum sogenannten »Taschenpiston«, einem trompetenähnlichen Blasinstrument. »Das ist quasi eine Gag-Trompete«, scherzt Franz Bilzer. »Aber etwas leiser als eine richtige.«

Zu Hause greift Franz Bilzer auch immer wieder zur Trompete – oder zu einem sogenannten Taschenpiston.
Früher, da hat er Richard Wagner und Guiseppe Verdi gerne gespielt, erzählt er von seiner Zeit im Orchester. »Bei Beethoven hat die Trompete wenig zu tun.« Franz Bilzer muss schmunzeln. Heute sind es Stücke wie eben »Behüt dich Gott«, das er auch im Konzerthaus Dortmund für »Terra Xplore« auf seinem »Programm« hatte. Als Franz Bilzer nach Abschluss der Dreharbeiten gefragt wird, wie es war, wieder auf einer Bühne zu stehen, zuckt der Trompeter leicht mit den Schultern: »Es war jetzt nicht überwältigend. Ein bisschen so, als würde ich arbeiten.« Er lächelt. Und fügt dann noch hinzu: »Aber es ist einfach ein schönes Gefühl, auf einer Bühne zu sein.
Text: Corinna Ludwig
