Musik aus der Stille

Die Komponistin Sofia Gubaidulina steht im Mittelpunkt einer Zeitinsel.

»Im Staccato des Lebens kann die Kunst das Legato wiederherstellen.« Könnte es eine passendere Leitidee zur Zeitinsel der Saison 2022/23 geben, die eigentlich bereits für das erste Pandemie-Jahr 2020 geplant war? Sofia Gubaidulina heißt die Komponistin, die diesen Satz formulierte und der diese Zeitinsel gewidmet ist.

Auf knapp 70 Jahre kompositorisches Schaffen, rund 150 veröffentlichte Werke und unzählige Auszeichnungen bringt es die gebürtige Tatarin und Wahlhamburgerin, die im Oktober 2021 90 Jahre alt wurde. Noch immer ist sie produktiv, und so darf man im Rahmen der Zeitinsel einen Ausschnitt aus ihrem Schaffen kennenlernen, der von Werken der 1970er-Jahre bis zu ihrem letzten großen, 2020 uraufgeführten Orchesterwerk »Der Zorn Gottes« reicht.

Der Titel verrät ein zentrales Motiv in Gubaidulinas Schaffen: Komponieren ist für sie ein religiöser Akt. Ihr Bezug zu Gott spielt in vielen Werken eine Rolle, doch es sind keineswegs nur Themen wie Zeit, Gott, Liebe, Hass, Tod und Auferstehung, aus denen die Komponistin ihre Inspiration bezieht. So wird die Zeitinsel eröffnet mit einem rund 15-minütigen Stück, das lange auf seine Uraufführung warten musste: Wie viele von Gubaidulinas Werken, die in der Sowjetunion verboten waren, weil sie nicht den Regeln des Sozialistischen Realismus entsprachen, erfuhr auch das Märchenpoem von 1971 erst 1992 seine erste öffentliche Aufführung. Die zauberhafte Geschichte handelt von einem kleinen Stückchen Schulkreide, das davon träumt, statt Wörtern und Zahlen Schlösser und Gärten zu malen. Als sie in der Schulklasse nicht mehr zu gebrauchen ist, nimmt ein Junge sie mit und malt mit ihr auf dem Asphalt all das, wovon sie geträumt hatte. Die Kreide ist so glücklich, dass sie gar nicht merkt, wie sie sich beim Zeichnen dieser wunderschönen Welt auflöst.

»Das Märchen gefiel mir derart und erschien mir so symbolhaft für das Schicksal eines Künstlers, dass bei mir eine sehr persönliche Beziehung zu dieser Arbeit entstand.« Sofia Gubaidulina

Gegenübergestellt wird das Märchenpoem in diesem Konzert der 9. Sinfonie Dmitri Schostakowitschs, der Gubaidulinas Karriere mitgeprägt hat, obwohl sie sich nur einmal begegneten: Als Mitglied der Prüfungskommission, vor der Gubaidulina 1963 in Moskau am Konservatorium ihren Abschluss machte, ermunterte Schostakowitsch sie, ihren »Irrweg« fortzusetzen. Auch wenn dies dazu führte, dass sie viele Jahre für die Schublade komponierte und nur überleben konnte, indem sie Filmmusik schrieb.

Neben Musik für großes Orchester liebt Gubaidulina das kammermusikalische Experimentieren mit Instrumenten aus ihrer tatarischen Heimat und aller Welt. Beim Planungstreffen mit Intendant Raphael von Hoensbroech in ihrem Haus nahe Hamburg zeigte die damals 88-Jährige begeistert ihren Instrumentenfundus auf dem Dachboden, zupfte mit leuchtenden Augen die Saiten einer japanischen Koto-Zither und sprach über eines ihrer Lieblingsinstrumente: das Bajan – ein osteuropäisches Knopfakkordeon. Im Rahmen der Zeitinsel bringt Elsbeth Moser es solistisch und in kammermusikalischen Werken mit Violine und Cello zu Gehör. Um ihre Experimentierfreude und Sammelleidenschaft für ausgefallene Instrumente wird es auch im Rahmen eines Salons mit dem Intendanten gehen, bei dem das Dortmunder Publikum mehr über den Menschen Gubaidulina erfahren kann, bevor der Abend mit Werken für Percussion-Duo und Orgel weitergeht und ihre Vorliebe für ungewöhnliche Instrumentenkombinationen und die Faszination für Schlagwerk deutlich werden. Das Schlagwerk spielt auch in ihrem »Sonnengesang« eine wichtige Rolle: »Für mich ist das ein Schlüsselwerk im Zugang zum Schaffen von Sofia Gubaidulina«, sagt Raphael von Hoensbroech über die Vertonung des gleichnamigen Gedichts Franz von Assisis. Darin verleihen ein Solo-Cello und Perkussion in Verbindung mit mystischen Chorpassagen dem Dank an Gott für die Schönheit der Schöpfung in bisweilen meditativen, aber auch vehementen Klängen Ausdruck.

»Es muss still sein, wenn man die Welt atmen hören will. Stille ist für mich die Voraussetzung, um Musik schreiben zu können.« Sofia Gubaidulina

Zum Abschluss der Zeitinsel erklingt dann das bereits erwähnte jüngste große Orchesterwerk »Der Zorn Gottes«, das Gubaidulina dem Jubilar des Uraufführungsjahres Beethoven widmete. Darin lässt sie gleichsam die Posaunen von Jericho erschallen. Auf mächtige Blechsalven folgt ein Ausbruch der Wut, dass Beethoven nur so die Ohren geschlackert hätten. Voraus geht den schmetternden Blechbläsern an diesem Abend das Konzert für Viola mit dem Solisten Antoine Tamestit – ein vollkommen gegensätzliches Stück, in dem die Komponistin ganz auf den Dialog zwischen der Bratsche und einem sensiblen Orchesterklang setzt.

An vier Tagen wird in sechs Konzerten so eine Komponistin erlebbar, die zugleich traditionsbewusst, aber auch unerhört, experimentell und avantgardistisch denkt. Mit Ausdauer und Lust sucht sie bis heute das Noch-nie-Erklungene und eröffnet so ihrem Publikum stets überraschende neue Perspektiven.

    • Do 02.02.2023
    • 19.00 Uhr

    Orchesterkonzert

    Happy Hour – Klassik um Sieben

    Zeitinsel

    Eine Stunde Klassik mit Moderation

    • Fr 03.02.2023
    • 19.00 Uhr

    Vortrag / Gespräch

    Salon – Im Gespräch mit Sofia Gubaidulina

    Zeitinsel

    • Fr 03.02.2023
    • 21.00 Uhr

    Kammermusik

    Late Night: Porter Percussion Duo

    Zeitinsel

    • Sa 04.02.2023
    • 11.00 Uhr

    Kammermusik

    Bach & Gubaidulina

    • Sa 04.02.2023
    • 20.00 Uhr

    Chorkonzert

    Chorwerk Ruhr – Sonnengesang

    • So 05.02.2023
    • 19.30 Uhr

    Orchesterkonzert

    Sofia Gubaidulina: Große Sinfonik

    Zeitinsel